Sonntag, April 23, 2017

Ich59

Rotwein. Deine Küche. Aus dem Radio Bekanntes. Schön, wenn es egal ist, dass Zeit vergeht.

Ein paar Stunden Ziellosigkeit. Niemand sein müssen, der man nicht ist. Probieren, der zu sein, der am besten zu einem passt.

Hass ist nur ein leeres Wort. In der Rustikalbar Streit anfangen. Versuchen Streit zu beenden. Streit, sagst du, bildet den Charakter. Charakter, sagst du, kann man sich nicht anziehen. Du, sagst du, schwebst zwischen den Welten. Harmonie, sag ich, hat ausgedient. Schon lange, sagst du und die, mit denen wir Streit angefangen haben stehen zu viert um unseren Tisch und gucken wie Psychopathen in den Lederjacken von Massenmördern. Harmonie, sagt einer, ist ein gemeinsamer Schnaps aus dem Becher des Lebens. Ich lache, du lachst. Pathos lacht. Ich klebe am Holztisch fest und spreche mit Typen, die mich grade noch verhauen wollten über die Welt und Verbesserung. Alles dauert. Jemand zahlt den ganzen Deckel. Ich wanke und finde draußen einen Fahrraddynamo, der wie eine Pistole aussieht und beschließe eine Tankstelle zu überfallen. Alle sind dabei. Dann schließt sich mein Bewusstsein. Irgendwo zerfällt lautlos eine Glasscheibe in feinen Staub. Ich liege am Boden und singe Chansons.

Die Welt bewegt sich. Die Welt bewegt uns. Später sitzen wir mit Käsebrötchen in der Küche und singen uns Schlaflosigkeitslieder vor.

Samstag, April 22, 2017

Ich58

Ich will nicht mehr das Wort "Gesellschaft" verwenden. Das sind wir wohl nicht mehr.

Ich will nicht mehr das Wort "sozialkritisch" verwenden, das sind ja scheinbar alle.

Ich will nicht mehr das Wort "Kapitalismus" verwenden, weil mich das langweilt und weil das so groß ist und überall, dass es Unzerstörbarkeit ausstrahlt.

Ich will vielmehr so Sätze schreiben, die ich neulich in der Bahn gehört habe, wo ein Typ, so alt wie ich, versucht hat analytisch zu denken und dann fragte: "Warum soll ich netter sein als die Firma für die ich arbeite?"

Freitag, April 21, 2017

Ich57

Ich mag stille Morgenmomente, wo noch nichts verklebt ist. Wo man anfängt zu denken und aufhört zu dämmern. Dann kommen so Ideen.

1. Ein Rapalbum aufnehmen. Texte gibt es, Musik müsste ich basteln.

2. Einen Comedy Charakter aufbauen, der wirklich witzig ist. Witze gibt es, der Rest ist glaube ich einfach.

3. Einen Roman schreiben, in dem ich jemanden, den ich wirklich hasse, töte. Auflage: 1 Buch. Das schicke ich dieser Person und sage: "Hahaha, guck mal, Literatur."

Ich glaube aber, ich mache nichts davon. Der Morgen ist still und dehnt sich aus.

Donnerstag, April 20, 2017

Ich56

Aufgeladen.
Mit kritischen Gedanken.
Gehe ich raus.
Wie ein kleiner Panzer,
der aus einer Garage fährt und
brüllt: Endlich Sommer oder
endlich Krieg
oder
endlich Unendlichkeit.

Es mit jedem und jeder
aufnehmen zu können.
Kommt doch.
Diskutiert mit mir.
Ignoriert mich tot.
Oder schlagt mir
ein paar Zähne in den Hals.

Aufgeladen.
Mit kritischen Gedanken.
Gehe ich raus.
Und mache trotzdem
jeden Tag das Gleiche.

Überleben.

Mittwoch, April 19, 2017

Ich55

Wie kam es eigentlich zu ICH HAB DIE UNSCHULD KOTZEN SEHEN 4?
Zunächst war ich drauf und dran, eine Art Biographie zu schreiben. Ich, Dirk, inmitten eines Lebens, das eine Geschichte, ein Jetzt und hoffentlich eine Zukunft hat. Eine Art Dokumentation, der Versuch, mein tägliches Handeln und Denken in eine konsumierbare Form zu pressen. Ohne allzu verrückt zu wirken. Realität als Maßstab anzuwenden. Und zu schauen, was kommt. Und es kam was.

Texte entstanden, relativ konzeptlos, mal hier, mal da, mal beim Bäcker, mal an der Bushaltestelle, mal beim Sport. Ich gab intime Worte frei, teilte Leidenschaften mit, laberte vom Scheitern, textete schöne Augenblicke.

Als ein bisschen was fertig war, bemerkte ich, dass mir das alles zu intim war. Zu nah dran und trotzdem gut. Ich ließ die Texte lange liegen, las die harmloseren auf Lesungen vor, stoppte aber die Arbeit an diesem Projekt. Beim Durchstöbern der Texte bemerkte ich, dass eine Vielzahl von Personen neben mir handelte. Es entstand der Wunsch, Ihnen deutlichere Gesichter zu geben. Sie laufen zu lassen und sie aufzuhalten.

Ich extrahierte die Personen, schälte mich heraus, fügte weitere Erkenntnisse und Erinnerungen bei. Und plötzlich entwickelte sich ein Zusammenhang zwischen all den niedlichen Leuten. Das war der Moment, wo ich es nur noch ICH HAB DIE UNSCHULD KOTZEN SEHEN 4 nennen konnte.

Super spannendes Making of. Total gelogen obendrein. Aber trotzdem genau so passiert.

Das Buch erscheint am 19.06. beim Unsichtbar Verlag. 

Bestellbar hier

Dienstag, April 18, 2017

Ich54

So viele Worte. So wenig Bewegung. Und immer die Frage: Was ist so toll an Kakteen? Die Stacheln spiessen kleine Insekten auf, alles schrumpelt stachelig vor sich hin und du bewunderst die seltenen Blüten. Manchmal habe ich keine Fragen mehr.

Manchmal tausende. Die Welt wächst zu einem flächendeckenden Krisengebiet zusammen. Die Welt ist ein Kaktus. Verstümmelte stachelige Hässlichkeit, aber zwischen den Stacheln Blüten.

Letzte Grüße von der Fensterbank, schreibst du und ich befürchte dass du springst, aber dann schickst du mir ein Foto von ungefähr 17 Kakteen, von denen eine verkrüppelt blüht.

Montag, April 17, 2017

Ich53

Unsere Welt ist gänzlich auf die Extrovertierten ausgerichtet. Das laute Krakeelen, so inhaltsleer es auch sein mag, erregt mehr Aufmerksamkeit als die bedächtige Argumentation im Stillen. Ich bin auch einer dieser leisen Leute.

Aber der Fokus der Wahrnehmung gehört dem Lautsprecher. Aber dazwischen sind so viele kleine Stimmen, die unorganisiert daher flüstern. Wenn diese Stimmen nicht eine gewisse Brisanz und mehr Volumen erfahren, gehen sie im Chor der Gesamtheit unter.

Aber ich bin gerne leise. Einen kleinen Verstärker hab ich mir durch Literatur errichtet, aber auch da rede ich nicht allzu laut über Leises.

Ein Freund von mir ist Ingenieur. Er hat mal in der Schalldämpfungsindustrie gearbeitet und seine Intention war, die Welt leiser zu machen. Ich hielt und halte das für ein gutes Ziel.

Sonntag, April 16, 2017

Ich52

Ich hab mir abgewöhnt, "Frohe Ostern", "Frohes Fest " oder" Frohe Weihnachten" zu sagen. Floskeln stehen mir nicht. Wenn Sprache leer ist, entleert sich auch der Sprechende. Ich wünsche den Menschen, die ich mag eine gute Zeit. Den anderen auch.

Ich hab mir angewöhnt, auf die Frage "Wie geht's dir?" zu sagen, dass die Antwort länger ausfallen wird, weil das immer von verschiedenen Faktoren abhängt. Diese Frage erwartet eine harmonische Antwort. Manchmal habe ich die nicht.

Ich hab mir abgewöhnt beim Biertrinken zu rauchen. Ich hab mir sogar das Biertrinken abgewöhnt. Das war so eine harmonische Antwort auf das Leben.

Sie fragt mich, wie es mir geht. Ich schau sie nicht an, sage gut, nehme noch ein Bier und rauche eine, um nicht aufzufallen. Dann geht sie nach Hause. Immerhin hat meine Sprache keine Floskeln.

Samstag, April 15, 2017

Post51

Ich will nicht mehr morgens über Kaffeetrinken schreiben. Und versonnen aus dem Fenster gucken. Dabei Postrock hören oder Klassik. Und sich erhaben fühlen. Den Tag einsaugen. Versuchen nichts zu denken, außer sein Dasein. Atem fühlen. Eine Yogamatte angucken. Fotos von sich in selbst in schwarz-weiß wären jetzt gut. Oder Kuchen. Und Zeit. Ja, Kuchenzeit. Jemand fehlt, der einem Pfannkuchen und später Waffeln macht und dem man ein Steak brät. Den Tag in Ruhe planen, bevor der Tag selbst einen plant. 

Nein, ich will viel lieber die Kälte, wenn man die Bettdecke von sich entfernt, ein paar hemmungslose Aufgaben warten und man sich der Realität anpasst. Reinschlüpfen in den Irrsinn, der sich Leben nennt und dann ist man da drin und macht irgendwas. Stellt keine Fragen. Ist. Beim Vergleich mit seiner Vorstellung ist die Realität ganz anders. Kein Bild ist schwarz-weiß, alles hat Farbe und je länger man wach ist, desto mehr sieht man davon. Es ist kalt, das ist gut, denn ich spüre was. 


Freitag, April 14, 2017

Ich50

Kino, Spätvorstellung. Kleiner Saal. Neben mir saß noch ein Paar weiter vorne, die beide Bier tranken und manchmal dümmlich laut kicherten. Ich kicherte nicht, da war kein Grund zu kichern in diesem Film.

"Gold", so hieß der Film und er nistete sich charmant in meine Hirnwindungen ein. Die Besprechung großer Themen. Loyalität, Freundschaft, Täter und Opfer im Kapitalismus, Reichtum, Armut, der Versuch, der Liebe nicht beim Scheitern zusehen zu müssen. Und Durchhalten, weil man irgendwem vertraut, der es vielleicht gar nicht wert ist, aber trotzdem daran glauben, weil da eine Stimme ist, die einem erzählt, dass alles gut wird. Auch wenn das oftmals die eigene Stimme ist.

Stabile Story, viele Wendungen, konkret gute Charaktere. Ein bisschen Mystik. Viel Suff. Betrug. Ein Haufen Arschlöcher und Teilsympathieträger. Musik, die man summen möchte.

Nichts, was mich in zwei Wochen noch so derbe bewegen wird, dass ich zitternd erwache, obwohl ich gar nicht eingeschlafen bin, aber ein schlauer Film.

Heute sah ich an einer Wand ein Graffiti. Es war nicht schön, es war weiß, die Wand dahinter grau, ich wollte es fotografieren, aber dann dachte ich mir, wenn es gut ist, dann weißt ich auch noch später, was da an der Wand stand. Da war ein guter Satz, der mich lächeln ließ. Und so ging ich traurig an diesem Satz vorbei und las ihn und ging fröhlich weiter. Kein Scheiß, das kann passieren.

Donnerstag, April 13, 2017

Ich49

Himmel in grau. Darin: Strafender Gott. Böse Blicke. Ein Lasergewehr im Anschlag. Schießt Schicksal auf Sünder. Unausweichlichkeit.

Das hat man mir als Kind erzählt, ohne mich davon abzuhalten, Angst zu kultivieren.

Zurück in der einzigen Realität, heute. Himmel grau und vor allem leer. Darin: Regen. Mein Leben ist ein schlafender Gott, den ich aufwecke und nach Hause begleite. Unbewaffnet.

Irgendwas bleibt immer übrig.

Mittwoch, April 12, 2017

Ich48

Zuhause werde ich dann ein Typ mit Musik und Jogginghose an und vergesse ein bisschen was Relevantes. Ich versuche zu arbeiten. Die Arbeit versucht mich zu ignorieren. Ich versuche, das Leben anzufassen und es in literarische Form zu kneten. Aber es ist ein widerspenstiges Leben. Es will einfach nicht Literatur werden. Es weigert sich und zeigt mir durch drittklassige Formulierungen, dass ich scheinbar ein Betrüger bin. Einer von diesen Autorendarstellern, die niemand braucht. Zweifel beginnen. Zweifel hören nicht auf. Nie. Und man gewöhnt sich auch nicht daran. Es tut immer mehr weh als es zuvor weh tat, wenn man nicht mehr weiterkommt mit seinen Worten. 

Ich weiß, irgendwann kommen sie drauf. Alle. Und sie werden mit dem Finger auf mich zeigen und mir sagen: "Du bist nur eine lilafarbene Pfütze mit verträumten traurigen Kuschelaugen, die gleichzeitig in verschiedene Richtungen gucken." Ich werde sie dann ansehen und nicht wissen, was sie meinen und sie werden sagen: "Siehst du, Dirk Bernemann, du siehst zwar aus wie ein Künstler und verhältst dich wie einer und ziehst dich sogar an wie einer, aber du bist keiner und wirst nie einer sein, weil deine Vorfahren die Äcker bestellt und die Pferde gefüttert und die Hühnerköpfe abgeschlagen haben und man an deinem Gang deine bäuerliche Herkunft erkennen kann. Du hast nichts Fein- oder Schöngeistiges an dir, was lohnenswert in die Welt zu posaunen wäre. Du bist ein Betrüger. Gib auf. Leg dich weg. Sei geschlachtet von der Wahrheit über dich." Glücklicherweise weiß ich nicht, ob ich dann weinend aufgeben oder alles ignorieren würde. Ich glaube, es ist ganz gut, auf diesen Tag vorbereitet zu sein.

Und dann sitz ich da rum, mit Musik und Jogginghose und versuche mich zu zwingen, irgendwas von Bedeutung zu verfassen. Aber ich denke zu kleinteilig. Ich denke nicht Fenster, ich denke Scherben. Ich denke nicht Mensch, ich denke Zelle. Außerdem denke ich nicht Literatur, sondern Satzzeichen. Ich denke nicht Fels, ich denke Kiesel, nicht Universum, sondern Atom, nicht Leben, sondern Herzschlag. Ich schreibe einen Satz und er lautet: "Ich bin nur eine lilafarbene Pfütze mit verträumten traurigen Kuschelaugen, die gleichzeitig in verschiedene Richtungen gucken." Das ist ein guter Satz denke ich, das ist schon mal ein Anfang. Ich lasse ihn stehen, diesen Satz, lasse ihn in Ruhe. Starre ihn an. Will, dass er seine Freunde anruft. Dann sag ich es ihm sogar: "Ruf doch bitte deine Freunde an." Aber der Satz sagt gar nichts. Schweigt. Irgendwann wird es ihm zu blöd und er meint: "Merkst du nicht, dass ich vollkommen sinnbefreit bin?" Ich lösche ihn und höre nie wieder was von ihm.

Selbstanalyse, so weh es auch tut. Diesbezüglich erfinde ich dann noch einen Witz: Was sagt ein innerlich selbstreflexiver, aber nach außen emotionsloser Staatsanwalt mit einem imaginären Freund, der aber eigentlich nur ein Abspaltung seiner eigenen Persönlichkeit ist jeden Morgen zu sich selbst? 

Ich gehe hart mit mir ins Gericht.

hahahahahaha usw. (eingespieltes Gelächter)

Ich lache ein bisschen, nur für mich. Schreibe aber kein Wort mehr.


Ich47

Ich versuche, meinen Schreibtisch aufzuräumen und stapel doch nur Dinge von links nach rechts. Jetzt ist links alles frei und rechts liegt die ganze Scheiße, die Reste der Arbeit, ein paar Dokumente, mein Leben betreffend und auf dem Kalender steht meine Lieblingskaffeetasse. Irgendwie ist dieser Tisch seit Wochen wie ein Biotop. Papiere kommen und manchmal gehen sie. Notizbücher laufen von links nach rechts und die Tupperdose, in der ich Kleingeld sammle steht zentriert und hilflos da. Ein USB Stick weiß auch nicht so recht, wo er das nächste Mal wiedergefunden werden will. 

Ich versuche einen Überblick. Die Rechnung des Zahnarztes. Ich denke an sein freundliches Gesicht und an die Geräusche seiner Instrumente. Wir sind einander egal, außer in den Momenten unserer Begegnungen. Ich glaube, dass ist momentan so eine Tendenz in dieser Stadt. Egal sein, außer, wenn man da ist. Jede Begegnung ist eine Entscheidung und jede Nicht-Begegnung ebenso. Es gibt viel zu viele Menschen, denen ich nicht begegne. Ich verschiebe das Aufräumen des Schreibtisches auf demnächst und gehe zum Bäcker. Gegenüber. Ungewaschen und Jogginghose. Trotzdem lächeln alle und belegen friedlich Brote. 

Im Vergleich zu meinem Schreibtisch herrscht hier beim Bäcker eine Ordnung, alles hat seinen Platz. Brötchen grinsen. Ein Baguette lacht. Ich beobachte die Auslegfläche oder wie dieser Bereich heißt, wo die Backwaren hinter einer Glasscheibe ihrer Ausgewähltheit harren. Langsam wird der Laden leergekauft und manchmal denke ich mir, wie beruhigend das ist, einen Laden beim Leergekauftwerden zu sehen zu können. 

Zurück am Schreibtisch schreibe ich ein paar Worte und denke an die Freundlichkeit der Bäckereifachverkäuferinnen. Ihre wachen Augen. Ihre zärtlichen Kleingeldfinger. Ich glaube, es wird ein guter Tag. 


Ich46

Ich möchte viel mehr Bücher lesen, die mich emotional hinterfragen, die dass, was ich immer so tue, erst einmal nicht anerkennen und die Filterblasen öffnen. Ich will die Scheiße der Welt verstehen. Aber um das zu checken, muss ich die Scheiße der Welt sehen, schmecken, anfassen und einatmen. Ich muss die Scheiße werden. Aber ich darf danach auch wieder ich selbst sein. Und die Bücher, die ich dann lese, sollen sich provozierend in meinen Kopf flexen und mir mein Weltbild kleinschneiden und mir meinen antrainierten Geschmack pürieren, auf das alles an mir immer die Möglichkeit hat, anders zu werden.


Dienstag, April 11, 2017

Ich45

Bescheuerte Rituale mit denen ich aufhören will

1. Mir jeden Morgen vorstellen, wie es ist ein Wellensittich zu sein.

2. Beim Bier rauchen.

3.  Meine eigene Peinlichkeit zerdenken.

4. Listen machen mit dem Ziel, Veränderungen herbeizuführen.

5. Vor dem Einschlafen politische Sachbücher zu lesen, wobei ich epische klassische Musik höre. So wichtig ist das alles nicht.

Montag, April 10, 2017

Ich44

Tasse Kaffee. Stück Brot. Ich denke an dein Gesicht. 
Das Frühstück ist die witzigste Mahlzeit des Tages. 
Ich lache grundlos. 
Aber
ich
lache. 

Sonntag, April 09, 2017

Ich43

Ich rave unter einer Brücke. Wie das halt so geht. Der Bass wummert und trümmert ein paar Zweifel klein, dass es eventuell keine gute Idee ist, an diesem Ort zu sein. Ein paar gute Technomomente später stehen wir am Rande von dem, was sich die Tanzenden als Dancefloor erschlossen haben. Du sagst: "Alles könnte gut sein, wenn wir das hier jedem Tag machen würden und das Gebiet unserer ertanzten Einflussnahme täglich würden erweitern können. Erst die Brücke, dann die Straße, dann der Bezirk, dann die Stadt, dann weiter und weiter, bis an die Staatsgrenzen und so weiter und dann alle und ..." Du schreist mich an und ich verstehe dich und verstehe dich nicht.

Irgendwann löst sich alles wieder auf. Die Bullen kommen und machen Drohgebärden, auf die die Tanzenden mit Angst vor Vorstrafen reagieren. Erst wird es leiser, dann wird es still und alles zerfließt. Die Richtungen sind verschieden. Der Mensch ist frei. Das Glück wird entsprechend kleiner. Wir gehen noch in einen Club, der so tut, als sei er dazu imstande, an einer Revolution interessierte Menschen zu beherbergen. Auch hier das Gleiche: Erst laut, dann leise, dann still. Am Tresen: Kapitalismuskritik und Bier für 3,50 Euro.

Es ist sonnig, hell und die Uhrzeit ist auch nur eine Zahlenkombination, die sich irgendwer ausgedacht hat. Wohin? Heim!

Dort wartet eine Schale Erdbeerkuchen auf mich. Die Waschmaschine hat ihre Arbeit gemacht. Ich lasse von mich einer Radiostimme in den Schlaf flüstern.

Samstag, April 08, 2017

Ich42

Mein Kopf ist ein Kehrblech.

In der Volvic Werbung geht ein alter Mann studieren.
In meinem Kopf steht immer etwas in Großbuchstaben und Neonfarbe an der Wand.
Auf Facebook nervt eine Autorin durch künstlerischen Gleichmut.
Beim Blick aus dem Fenster langweilen sich die Mülltonnen bei meinem Anblick.
Auf Youtube redet ein Rapper Sprechblasen darüber wie wichtig egal ist.
Im Museum versucht Janine in ein Bild einzutauchen, was aber misslingt, weil sie es zu sehr will.
An der Haltestelle hat die Spuckelache 4 verschiedene Farben.
In der Ubahn tue ich manchmal so, als wäre ich Komponist, der aus den vielen Geräuschen der Umgebung ein Lied macht.
In der Kaffeetasse wabern lauwarme Reste.
Im Internet ist Krieg.
In Deinen Augen ist weit weg.
Auf dem Papier steht ein bisschen Hoffnung, aber das macht nichts, die habe ich selbst dahin geschrieben.
Auf der Postkarte gratuliert mir jemand zu irgendwas, was nie passiert ist.
In Liebe sind Schwierigkeiten einfacher.
Auf dem Teller strahlen Reiskörner Wärme um die Wette ab.
Verglichen mit Allgemeinplätzen ist das hier ein Sonderplatz.
Abseits der Szenerie gibt es immer eine weitere Szenerie, die unbedingt mit in einen Text muss.
Mein Gewissen ist beschädigt, wie jedes gute Gewissen, ab einem bestimmten Zeitpunkt der Bewusstwerdung von allem, was imstande ist, ein Gewissen zu beschädigen.
Schnaps als Antwort ignoriert die Frage.

Am Ende ist immer ein Punkt
.


Freitag, April 07, 2017

Ich41

Der Pavian grinste mich an. Auf der anderen Seite des Fensters. Ich im Einkaufszentrum, er im Zoo. Wer war jetzt noch mal glücklicher?

Manchmal hört man Musik von früher, um das Gefühl von früher zu bekommen. Stellt sich aber nicht ein. Das Heute in das Gefühl von einst einzulegen, ist auch nur Heute mit dem leichten Geschmack von früher. Die Akzeptanz, dass irgendwas vorbei ist. Du zum Beispiel, oder das Gefühl von Relevanz in meinem politischen Handeln. Oder Gesundheit. Oder die Fähigkeit, die Menschen in gut und böse einzuteilen. Oder durch Alkohol sein menschliches Limit zu erfahren.

Ich strukturiere mich um. Höre dann Musik von heute und fühle mich nicht so recht. Das ist alles zu sehr, aber auch viel zu wenig Gegenwart. Dann höre ich wieder Musik von früher und sie vereint sich mit dem Jetzt. Ich gehe in das Einkaufszentrum, wo man durch die Scheibe das Paviangehege sehen kann. Der Pavian grinst mich an. Ich grinse den Pavian an. Er streckt mir seinen roten Arsch hin. Ich lache. Ich habe mich versöhnt.

Donnerstag, April 06, 2017

Ich40

Ich mag keine Bücher, die mich anschreien, wie ich denken soll. Ich mag keine Bücher, die mich in erlernten Verhaltensweisen bestätigen. Ich mag keine Bücher, die berechenbar provokativ sind. Ich mag keine Bücher, die schon durch ihre Machart klar werden lassen, dass es einen massiven ironischen Überbau gibt. Ich mag keine Bücher, die wissen, wo sie hinwollen und dann auch da hingehen. Ich mag keine Bücher, die keine Gedanken durch Widersprüche blockieren. Ich glaube, ich mag überhaupt keine Bücher.

Trotzdem arbeite ich täglich an diesem Literaturding. Spüre, wie es sich ausdehnt, wenn es läuft. Aber jedes Mal ist da auch der allmächtige Zweifel, dass man nur eine Sprache gewordene Ermüdungserscheinung ist.

Ich mag Bücher, die von mir sind. Ich mag Autoren, die ich sind. Ich mag Widersprüche. Ich verehre meine eigene Kunst und die von anderen. Ich mag diesen Text.

Mittwoch, April 05, 2017

Ich39

Du bist orientierungslos. Du ahnst Angst, bevor Angst kommt. Und wenn Du wirklich verzweifelt bist, sprichst Du Umherstehende an. "Bitte folgen Sie mir nicht. Ich hab mich auch verlaufen. Aber bitte folgen Sie mir, damit ich nicht alleine bin."

Du weisst nicht, was Du willst. Du stehst gern in dieser Art Halbschatten, die Dich bis zur Unwiderstehlichkeit schön macht. Alle Deine Gedanken haben schwerwiegend hässliche Anteile. Nichts ist hundertprozentig wunderbar. Nichts, ausser Dir.

Ich38

Hinweis zur Regulierung des Regulierbaren: Kauf niemandem was ab, der nicht mit Liebe verkauft. So regelt sich der Markt von allein. Angebot, Nachfrage. Frohsinn. Kein Gleichmut.

Dienstag, April 04, 2017

Ich37

Das Coolste, was du heute erreichen kannst, ist keine Angst zu haben. Vor nichts. Nicht vor Kontoauszügen, Anrufen, Begegnungen. Nicht vor Arztbesuchen, Spätdiensten, Rechnungen. Nicht vor Gewalt, Ausbeutung und Cola. Nicht vor Drogen, sich selbst oder Wissenschaft. Nicht vor Vertrauen, Plänen und Hunden. Nicht vor Kriegen, Naturkatastrophen und Coldplay. Einfach keine Angst, einfach cool.

Mir wurde kürzlich geraten, wie ich ein paar Ängste loswerde, die ich rucksackartig mit mir herumschleppe. Jemand sagte: "Zerschlag dein Ego, setz es neu zusammen und guck, was du damit schaffen kannst." Davor habe ich in der Tat Angst. Man weiß nicht genau, was man wird, wenn man sich selbst zertrümmert und ein paar liebgewonnene Eigenschaften mit zerschlägt, um auch die ganze Scheiße loszuwerden, die sich in einem befindet.

Viele sagen ja, Stillstand sei der Tod. Ich bin nicht sicher. Ich glaube, dieses ganze Weiterkommen ist genauso gefährlich. Alle kommen immer rum, zu sammeln und zu stapeln sei ihre Aufgabe, meinen sie, damit sie bloß keine guten Momente ihrer irdischen Existenz vergessen, weil davor haben sie am meisten Angst: Vergessen zu werden. Ich habe schon viele meiner glorreichen Momente vergessen, bei vielen war nicht mal mein Verstand anwesend.

Und dann steht man da, will was ändern, weiß sogar was. Und dann bleibt man stehen. Auch cool.

Montag, April 03, 2017

Ich36

Statt die Menschen da abzuholen, wo sie sind, sollte man sie lieber da hinbringen, wo sie hinwollen. Denn da, wo sie sind, da traut sich manch einer gar nicht mehr hin und wenn man jeden fragt, wo er denn hin will, hat man zumindest ein bisschen Zeit gewonnen, eine adäquate Vision zu entwickeln. Glücklich ist vielleicht der, der sagt, dass er schon da ist, wo er hin will. Aber vielleicht hat er einfach ein paar keine Visionen mehr und ist unfähig welche zu bilden. Und einer, der schreit, man solle ihn abholen und erstmal rumfahren, soll man den überhaupt mitnehmen? Im Wald des Verstandes ist es manchmal dunkel und man hört diverses Getier zurpeln und kanusen. Vielleicht will ich auch nur abgeholt werden. Oder jemanden abholen. Am besten beides und am besten, bevor es die Welt in Stücke reißt. Ich höre nicht mehr auf die Tierstimmen, ich laufe ohne zu denken und verkleinere meine Gedanken, die dadurch immer besser werden.

Sonntag, April 02, 2017

Ich35

Frozen Face. Ein Selfie. In ihrer Bomberjacke sieht sie aus wie ein Model, das aus dem Krieg kommt. Sie macht so einen Knutschmund und starrt, während ihr Handy Ewigkeit simuliert. Dann lacht sie. Neben mir auf der Bank am Bahngleis. Vielleicht habe ich sie zu lange angeschaut, aber sofort habe ich ihre Biografie vor Augen und ihren Musikgeschmack im Hirn. Ihr Gesicht ist immer noch wie frisch aus dem Gefrierfach gezogen. Nichts wird warm. Sie schaut, als ob alles egal wäre, das ganze Restleben, das Jetzt und das Einst und alles Sonstige. Wichtig ist ihr Gesicht, das mit toten Augen durch die Welt stiert und vielleicht gern lebendig wäre. Aber eine Mauer umgibt sie, die es Typen wie mir unmöglich macht, den Versuch zu wagen, positiv auf sie einzuwirken.

Dann kommt die Bahn. Das Eis am Style geht wie auf Erdbeben. Ich möchte Erdbeeren in ihren Mund stecken und mit ihr in Gegenden fahren, wo Häuser explodieren. Alles gleichzeitig.

Ich34

Manchmal schreibe ich Märchen über komische Situationen, so wie dieses hier:

Ein Gnu ging spazieren. Da traf es einen Tiger. Er sagte: "Ich werde dich fressen, aber nicht jetzt, sondern irgendwann. Du kannst jetzt versuchen, an mir vorbei zu laufen oder warten, bis ich vielleicht einschlafe, aber ich habe sehr viel Speed genommen und werde bestimmt nicht einschlafen, während du ja gerade vom Spätdienst kommst und unheimlich kaputt wirkst. Was willst du tun?" Das Gnu wartete ab, überlegte, ging in sich, dachte an eine buddhistische Zerrüttungstheorie, die es mal studiert hatte, aber es stand auf der Stelle. "Ich werde warten", sagte es dann, nicht ohne Stolz vor seinem eigenen unerwarteten Mut. Es kam sich verdammt klug vor.

Nach 2 Tagen war es sehr schwach und der Tiger fraß es.

Ende.

Samstag, April 01, 2017

Ich33

Ich mag Klarheit am Morgen. Gestern hat jemand den wohl traurigsten Satz zu mir gesagt, den ich jemals gehört habe. "Mir war schon als Kind klar, dass ich Krebs bekomme, ich wusste nur noch nicht welchen." Ich mag Klarheit am Morgen.

Manchmal lasse ich Musik in meiner Wohnung an, wenn ich sie verlasse, vielleicht wollen die Möbel in meiner Abwesenheit tanzen. Jeder verdirbt den Planeten auf seine Weise. Jeder.

Freitag, März 31, 2017

Ich32

Mein Leben ohne Thermobecher sei sinnlos und unökologisch, sagt die Thermobecherwerbung. Ich sitze beim Bäcker. "Mit gratis Erstfüllung" steht da noch. Ich habe einen Ort gesucht, wo ich in Ruhe denken kann und jetzt zirkuliert die Weltrettung durch Thermobecher in meinem Kopf...

... bis ich dieses schüchterne Mädchen sehe, frühlingshaftes Grungeoutfit und sie ist bestimmt schon Mitte 20, steht aber in der Kuchenwarteschlange wie eine hibbeliges Kleinkind. Sie reckt ihren Kopf wie eine junge Giraffe gen Futtertrog, in ihren Augen Ungläubigkeit und Schönheit. Schwarze Strumpfhose, Socken in den Farben von Regenbögen, pinke Schuhe, ein Holzfällerhemd, das ihr bis in die Kniekehlen reicht. Ich erwarte fast, dass sie gleich mit leicht nasalem französischen Akzent einen Einhornkuchen und einen Yoghurt Frio bestellt. Schüchtern huscht ihr Blick immer wieder über die Auslagen. Dann bestellt sie heiser 2 Schinkenbrötchen und einen Milchkaffee. Sie setzt sich einen Platz weiter und stopft sich die Schinkenbrötchen innerhalb von 70 Sekunden in ihren niedlichen Mund. Ext dann den Kaffee und stolpert seicht schwebend aus der Bäckerei. Ich sehe ihr hinterher und erwarte fast, dass sie auf dem Bürgersteig ihre Schmetterlingsflügel spreizt und davon fliegt.

Ob das jetzt eine Agenturmittagspause, eine Essstörung oder nichts davon war, werde ich nie erfahren.

Ich verlasse auch die Bäckerei, kaufe keinen Thermobecher. Das wird die Welt nicht retten.

Donnerstag, März 30, 2017

Ich31

Ich öffne Youtube. Da wird gekocht. Rezepte in 90 Sekunden. Davon schaue ich mir 4 an, während ich meinen Kaffee trinke. Geschickte Hände bereiten Schmackhaftes. Würzen, wenden, braten. Mit stressigen Bewegungen werden Mahlzeiten in rasanten Schnitten erstellt.

Ich öffne Facebook und irgendwo findet ein Poetry Slam statt. Wie und wo ist egal. Beiläufigkeit und der Versuch, Coolness und Relevanz zu simulieren. Alles, was man sich zwischendurch so reinzieht ist ziemlich ungesund. .

Ich öffne ein Fenster. Im Innenhof ist es still. Vielleicht ist jenseits der Häuserfront schon Krieg?

Mittwoch, März 29, 2017

Ich30

Das hab ich früher schon gemacht, Punkrocktexte für nicht existierende Bands geschrieben. Heute mal wieder und das geht so:

Der Abend da mal, wo wir, weißt schon, genau, hahaha, ne stimmt ja gar nicht, oder, weiß auch nicht mehr (Länge ca. 0:47 Min.)

1 - 2 - 3 - 4

Auf der Straße treff ich dich
Kanne Bier, 49 Cent
damit liegst du sicherlich
genau wie ich im Trend

ich hab auch ne Kanne Bier
gab es da zu kaufen
und dann gehen wir zu mir
und saufen, saufen, saufen

Ich mach dann an die Platte
mit alte Punkrocklieder
und du sagst: "Was ich hatte,
das habe ich jetzt wieder."

Ich frage dich: "Was meinst Du?"
und du schreist kotzend: "Fun!"
Ich bin genau wie du zu
dumm für einen Plan

ich hab noch ne Flasche Korn
war ins Sofa gesunken
wir sind ziemlich gut in Form
es wird weiter getrunken

Keine Perspektive
wir schimmeln vor uns hin
wir sind zwei Naive
nichts an uns macht Sinn

ahhahahahaha, ohohohohohohohoho
ahhahahahaha, ohohohohohohohoho

schala lalalala schalala lalalalala lala (usw. egal.)

Wir saufen noch die Reste
mach ma voll das Glas
andere haben Knäste
wir haben den Spaß

doch plötzlich an der Tür
Polizei klopft an
die wollen rein zu mir
fast 300 Mann

Sie haben Uniformen
und ziemlich krasse Knüppel
und für ihre Normen
haun sie uns zum Krüppel

doch wir können uns gut wehren
am besten noch besoffen
während wir weiter Flaschen leeren
ist der Kampf seit Stunden offen

Die Bullen ham Verluste
und wir ne gute Haltung
doch was ich nicht wusste
ich kann sogar Schädelspaltung

ahhhahahahaha usw.
ohohohohohoho usw.

egal.egal.egal.egal.

Diese ganze Geschichte
ist natürlich nie passiert
nur fiktive Berichte
falls es jemand interessiert

Nein, wir trinken auch kein Bier
schon gar nicht früh am Tage
schon gar nicht in der Woche
das steht komplett außer Frage

wir wollen immer nett sein
zu allen Nachbarsleuten
weil möglichst früh im Bett sein
kann uns auch was bedeuten

und deshalb, liebe Menschen
merke, merke, merke
Musiklautstärkegrenzen
sind auch mal Zimmerlautstärke

ahhhahahahahahahah, oh oh oh schala lalala la (usw. egal)

und bloß keine Konflikte
mit der Gendarmerie
die irgendjemand schickte
nein, das wolln wir nie

falls wir in der Vergangenheit
hier irgendwen provozierten
das alles tut uns furchtbar leid
hier ist ein Scheck über 3500,-- Euro auf Wiedersehen


























Ich29

Hab mir heute erstmals eine Monatskarte gekauft. Also erstmals in meinem Leben. Es kommt mir vor wie Struktur. Das ist was Gutes.

Jetzt isst vor mir ein Mädchen in Sahne eingelegte Heringe. Mit Zwiebeln. Aus einem Glas. Mit ihren Fingern. Die Art, wie sie schlingt lässt Freshflash oder massiven Hunger vermuten. Man fühlt förmlich wie die kleinen, glatten Sahnefische durch ihren Hals, durch ihre Speiseröhre in ihren Magen gleiten. Wie Kinder in einem Spaßbad. Vielleicht haben die toten Fische grad den Spaß ihres Lebens.

Ich schaue mir meine Monatskarte an. Fühle eine seltsame Mischung aus Entwicklungsverzögerung und vorzeitigem Altern. Und ein innerer Sportreporter schreit: "s is halpzait. er liecht 1:5 hinten. abba kann nochma komm..." Er weiß nicht wie, aber was er sagt.

Dienstag, März 28, 2017

Ich28

Was ich ausschließlich hasse: Akademiker, deren künstlich angehobener Wortschatz eine Diskussion mit mir Unstudiertem beenden soll, damit wieder das Ungleichgewicht hergestellt wird, welches unser Bildungssystem vorgibt. Knallt man mir erlernte Floskeln vor den Leib, so soll ich doch bitte in meine angeborene Blödheit versinken.

Leute, die sich ständig um ihren Status sorgen, arbeiten sich an mir ab. Wenn wir dann fertig sind mit sprechen steigt deren Würde. Und mein Zorn.

Ich27

Die Gelassenheit vieler Leute beeindruckt mich zutiefst. Diese Ruhe, die ein paar Leute ausstrahlen. Zu wissen, was genau man da tut mit welcher Wirkweise. Für mich ist das alles scheinbar immer noch ein Experiment. Ich drücke auf ein paar Knöpfe und gebe mir unerklärlich anderweitig Mühe und dann entsteht Sonderbares. Der Prozess des Schaffens ist nie vollständig erläuterbar. Etwas erfasst mich und dann passiert irgendwas und am Ende der Magie ist irgendwas fertig, was es zuvor noch nicht gab.

Ich hätte gerne einen Plan und habe gleichzeitig Angst davor, dass Pläne, die enger und enger und dominanter werden, meinen Stil, den ich vorgebe zu haben, töten.

Daher wache ich auf, mache was, schlafe ein und trinke zwischendurch was. Aber es stellt sich nach keinem fertiggestellten Ding eine Ruhe ein.

Montag, März 27, 2017

Ich26

In allem, was anklagenswert ist, bin ich selbst gefangen. Jede Anklage meinerseits gegen die Umstände der Welt ist eine Anklage gegen mich und umgekehrt.

Ich25

Irgendwo öffentlich frühstücken. Schlecht gelaunte Kellnerin ignoriert mich lange. Sie ist schön. Spült Gläser. Poliert Glasflächen. Aber schaut nicht. Ich versuche ihren Blick zu fangen, aber sie reinigt geräuschvoll die monströse Kaffeemaschine.

Neben mir sitzt noch eine Viererkombination hipper Businessmenschen im Café, die sich bereits an Rühreiern und mild geröstetem Toastbrot laben. Immer wieder horche ich in ihre Gespräche hinein. Es geht um ein Medienprojekt, dass ich mir nicht vorstellen kann. Irgendwann nennt eine Frau den ihr gegenübersitzenden Mann "Hallodri" und es tritt ein kurzes Schweigen ein. Ich mische mich aus.

Aus der Taz auf dem Tisch, der sogenannten Tischtaz, sauge ich ein paar Themen auf. Schulz, Erdogan, Feminismus in Armenien, AFD, Leserbriefe, Ernährung, irgendwas mit Fahrrädern und eine Kritik über einen ZDF Dreiteiler.

Der Tisch hinter mir hat zwei eskalierende und zwei deeskalierende Menschen um sich. Es wird geschrien. Endlich kommt die Kellnerin und nimmt miesgelaunt meine Bestellung auf. Die ganze Zeit läuft wie ein dazugehöriger Soundtrack milder, egaler Techno.

Ich esse. Der Tisch hat wieder Frieden geschlossen. Techno wird noch egaler. Ich falte die Tischtaz zusammen und lege sie auf die Fensterbank. Eine junge Frau kommt ins Café, plötzlich fängt die Kellnerin an zu leuchten. Tritt hinter ihrem Tresen hervor. Umarmt den neuen Gast. Austausch von Küssen mit nach außen sichtbarer Zunge. Ich denke darüber nach, wie es wäre, in jedem Lokal als Gast so begrüßt zu werden. Wäre die Welt ein besserer Ort?

Die Umarmung dauert lange. Am Nebentisch wieder Geschrei. Eine Frau steht auf. In ihren Augen Tränen. Wortlos geht sie, wie jemand geht, der nicht erwünscht ist. Die Umarmung dauert an. Das mit der Zunge hat aber aufgehört.

Ich bitte in die Umarmung hinein, zahlen zu dürfen. Zwei böse Blicke aus vier schönen Augen. Ein Preis wird genannt. Er ist hoch. Ich zahle ihn. Ich gehe. Draußen unendliche Sonne.

Sonntag, März 26, 2017

Ich24

3 Lesungen innerhalb von 2 Tagen. Gestern mit 7 Poetry Slammern aufgetreten. Anschließend mit dem Veranstalter ein ernstes Gespräch über Humor und Vergleich geführt. Schnäpse dazu.

Buchmesse ist die Situation, dass allen standardisierten Abläufen des Buchherstellens eine Wichtigkeit addiert wird, die so wirken soll, als sei sie unabdingbar für den Fortbestand der Menschheit. Jeder kämpft in seiner Ecke und Erhalt und Verbleib.

Aber ich glaube der schönste Satz des Abends war: Am meisten kritisieren doch die den Wettbewerb, die ihn nie gewinnen werden. Ich zum Beispiel.

Samstag, März 25, 2017

Ich23

Buchmessengespräche. Gesichtergesichtergesichter. Abends eine Lesung mit neuen Texten. Ein bisschen Ratlosigkeit. Aber auch Freude. Schnaps namens Gisela. Rückweg. 4 Frauen aus der Ferne, gehen vorbei. Drehen sich dann um, als ich schon passiert bin. Rufen was. Ich drehe mich zu ihnen um. Tatsache ist: Vier Frauen aus dem münsterländischen Dorf aus dem ich stamme. Stehen um 1 Uhr nachts auf einer Leipziger Straße. Alle haben Bock. Auf Smalltalk. Was man so macht. "Und was machst du in Leipzig?" "Buchmesse." Alle wohnen noch da, wo ich herkomme. Seltsame Begegnung. Alle kichern verlegen.

Niemand ist stehen geblieben. Alle haben Familien und Ehemänner und ein Mindestmaß an Kindern. Das alles erfahre ich hier. So verweilt man ein paar Minuten.  Die große Stille nach Begegnungen. Stange, all das.