Freitag, März 24, 2017

Ich22

Ok? Ok. Weg mit der Überheblichkeit. Was denken Leute, was sie sind, außer Leute? Er trägt eine interessante Hose. Abgestimmt dazu noch was obenrum. Hut und Schal. Und er redet Sätze, die wie Sätze klingen, die Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe, unterteilt von einer mittleren Portion Satzzeichen auf den Tisch fallen. Er redet so, dass man ihm zustimmen muss, alle Themen, die er in den Mund nimmt, wirken moralisch abgesichert.

Seine Sprache, im Gegensatz zu seiner Hose, langweilt mich. Ich glaube manchmal, ich bin eine Empfangsstation, an der Leute sich abarbeiten. Dirk, du machst doch dieses Literaturding, hör dir meinen Standpunkt an. Zwei Stunden später, in denen ich zunächst versucht habe, mich zu konzentrieren, mich dann auf seine Hose und später, als ich merkte, dass mir dieses Gespräch keine Reibung bieten wird, auf die Fliesen hinter seinem Kopf einließ, war sein Monolog eher eine Meditation, denn ein Weiterbildungsangebot. Denn das will ich von Gesprächen: das Andere, das mir nicht Ähnliche, das abseitig auf mich Einschlagende.

Auf der Suche nach Überraschungen. Zu viele, die mir begegnen sind schon total fertig mit der Ausformulierung ihrer Einstellungen und Haltungen. Das macht sie sicher.

Ich bin unsicher. Und habe nicht mal eine interessante Hose an.

Donnerstag, März 23, 2017

Ich21

Ich trage heute grüne Schuhe zu einem Outfit, das ansonsten aus Schwarz- und Grautönen besteht. Desweiteren besteche ich durch Zahnschmerzen, die aber bereits behandelt wurden und nun ausklingender Restschmerz sind. War in der Apotheke und habe Hautcreme gekauft. Der Apotheker hat mich in ein dermatologisch vielschichtiges Gespräch verwickelt, ich glaube, ihm war langweilig und er wollte mit Fachkompetenz und antrainierter Freundlichkeit glänzen. Er war hübsch, sein Lächeln einnehmend. Er beriet mich sanft dahingehend, wie man die von mir erworbene Gesichtscreme am besten benutzt, creme- und ressourcensparend, er hatte an alles gedacht. Seine Freundlichkeit war so tief in ihm, ein bisschen davon hüpfte über den Verkaufstresen und ich lächelte auf dem Heimweg und fragte mich, ob ich das war, der hier rumlief. Aber ja, niemand sonst trägt so beschissene Schuhe, die unten nicht ganz dicht sind. Regensocken. 

Da tut sich ein depressionsförderndes Berlin in grau auf. Ab und zu rauscht eine gelbe Ubahn durchs Bild. Nebenan hat kürzlich ein Café Platz genommen, das sich ganz und gar der Punkrocklegende Ramones verschreibt, zumindest behauptet das die Fassade. Beim Vorbeischlendern sehe ich Kaffee und Kuchen und ein bisschen Rustikalität und eine schlechte Beleuchtung, die weitere, tiefere Blicke verweigert.

Zuhause creme ich mein Gesicht ein und danke dem Spiegelbild für seine ganz okaye Ausgabe von mir am heutigen Tag. Ich habe Hunger, traue mich aber nicht zu essen, wegen des dentalen Problems. Gleichbleibend pocht ein Backenzahn, unten links. 

Ich trinke einen Kamillentee und widerspreche ein für alle Mal der Aussage, dass dieser Blog nur meine eigene Befindlichkeit und meine Krankheiten thematisiert. 

Ich20

Nichts ist egal
wenn
man
es
ernst
meint

Alles ist egal
wenn
man
es
ernst
meint

Das mit dem Schreiben war nur so eine Idee, die jetzt bei mir ist, obschon ich gerne allein wäre, also ohne diese Idee, diesen Drang, nahezu Zwang. Oft schlafe ich zu wenig, weil da noch was zu dokumentieren ist. Lieber legte ich mich hin, reglos, komplett erschlafft, mit dem Untergrund verschmelzend. Vielleicht ein Mensch oder ein Tier bei mir, möglichst leise aber, ohne Hufe an den Pfoten und vielleicht ein bisschen schön.

Mich frug kürzlich wer, ob ich lieber glücklich oder Autor wäre. Glücklich natürlich, entgegnete ich, nicht ohne Zorn, ob denn dies nicht total klar sei. Hahaha usw., lachte da der Fragesteller, dann hör doch auf mit dem Schreiben, es hindert dich vielleicht an etwas, dass du noch nicht kennst. Interessant, sagte ich, ernsthaft überlegend und auf einem Filzstift kauend.

Aus einem Gespräch von heute weiß ich, dass man Dinge, die man nicht getan hat, nie ganz begreifen wird. Aus meinem Handeln als Autor weiß ich aber ebenso, dass man Dinge, die man tut, nie ganz begreift.

Wer von Ihnen da draußen wacht eigentlich morgens auf, rennt schreiend im Kreis, duscht und frühstückt dabei und brüllt: "Oh ja, alles, was ich tue macht so unendlich viel Sinn." Bitte melden Sie sich bei mir, ich will ihnen von der Sinnlosigkeit berichten, die mich ständig wie ein zahmes Tier umflauscht.

Mittwoch, März 22, 2017

Ich19

"Unter denen, die hier illegal Tickets anbieten, bin ich immer noch der Ehrlichste. Immer gewesen. Kauf nix bei den Rumänen, kauf bloß nix bei den Rumänen. Die, ey, die mit ihrem billigen Buspapier." Unter seinen gelbgerauchten Fingernägeln hat das Leben Dreck platziert. Er gestikuliert und verdeutlicht seine Ehrlichkeit und die Kriminalität der anderen. Ich kaufe ihm einen Einzelfahrschein für 2,-- Euro ab. Gehe zur Bahn. Freundlich dreht er meine Münze in der Hand. Ein kleiner Zettel berechtigt mich zum offiziellen Gebrauch der U-Bahn. Er wünscht mir eine gute Fahrt und einen schönen Tag und ich frage mich, was ich ihm wünschen soll.

Man fährt entspannter mit einem Ticket in der Tasche. Ich kenne Zustände von Armut, die mich ohne Ticket haben fahren lassen müssen. An der Tür plaziert. Ein Auge für die Auffälligkeiten unauffälliger Fahrscheinkontrolleure geschult. In richtigen Momenten aussteigen. Anstrengend, aber es geht.

In der Bahn. Im Buch. Sätze über Druck. Und es tauchen Fragen auf: Wieviel Lebenszeit investiert man, wenn man mitwirken möchte? Warum kosten 40 Minuten Bahn fahren 20 Minuten Arbeit? Wie hoch ist der Eintrittspreis fürs Dabeisein? Und warum kosten Metallica Tickets so viel? Warum kostet ungesundes Essen so wenig?
Es wird immer welche geben, die diese Preise zahlen und es wird immer häufiger welche geben, die das nicht mehr können. Ich werde nicht zu Metallica gehen, aber nicht wegen des Preises, sondern wegen der Musik.

Ich18

Beim Bäcker. Ausschließlich schöne Menschen, die sich Backwaren kaufen. Vor und hinter dem Tresen. "Ich hatte gestern äußerst gute Laune, aber heute gehts mir sogar noch besser", sagt das strahlende Gesicht der frühlingshaft lächelnden Verkäuferin. Sie ist nicht geschminkt. Sie scheint gut geschlafen zu haben. Man sieht, wie der brotbestellende Knabe ihr komplett und direkt verfällt und gar nicht aufhören will zu smalltalken, auf das der Talk endlich big werden würde, hier, beim Bäcker. Draußen schießen Blumen aus dem Rasen, als wäre unlängst Atomkrieg gewesen, nämlich gar nicht. Nicht mal Rasen. Nur Stadt.

Zu viele sind allein und wissen, dass die Lebenserwartung von Alleinen geringer ist als die von Zusammenen. Die Alleinen sind die Raucher in diesem Beziehungsding. Tumb und manchmal panisch suchen sie nach Halmen, die sie retten. Bloß nicht aufgeben, denken sie, da passiert doch noch was. Sie atmen nur schlechte Dinge ein und ab und zu haben sie Hoffnung und stehen vor dem Bäckertresen und versuchen Restcharme in die Kuchenauslage zu spritzen.

"Sind die Kirschkuchendinger auch vegan?"
"Ja."
"Gut, dann nehme ich zwei."
"Gerne."

Aber die schöne Verkäuferin ist davon unbeeindruckt. Oder denkt sich, wenn er zwei Stücke Kuchen bestellt, isst er bestimmt auch mit wem. Unter einer warmen Decke oder in einer sauberen WG-Küche. Starr und schön lächelt sie aggressiv durch den Verkaufsraum. Angesichts der Welt ist dieses Lächeln ein Hohn, aber trotzdem gut, dass Leute bereit sind, es zu lächeln.

Überall Lächeln. Das ist ansteckend. Auch meine Bestellung kommt mir vor, als artikuliere sie ein Fremder. Ich nehme einen Kaffee zum Verschwinden und gehe. Und werde dergestalt angelächelt, dass fast die Realität platzt.

Dienstag, März 21, 2017

Ich17

Zwei Mädchen im Bus. Beide Anfang 20. Sie vergöttern beide einen Typen namens Blendi. "Hab Blendi bei Kaufland gesehen, mit ein Junge und ein Mädchen. Aber Mädchen war hässlich." Dies zur Sicherstellung der eigenen optischen Gesichtskompetenz.

Bitte, Blendi, wenn Du das hier liest, verlieb Dich in keine der beiden. Die Mädchen mögen Dich wegen Deinem grünen Tshirt und wegen Deiner Mützen und der Art, wie sie Deinem Gesicht schmeicheln. Aber, ach was solls, is Jugend. Es wird bestimmt schön mir Euch.

Ich16

Der Morgen gähnt und dehnt sich aus. Ich prokastiniere vor mich hin. Versuche autoritär zu mir zu sein. Mach dies, das, aber nichts Konkretes. Auch Literatur. Und wenn ich mir das dann durchlese, klinge ich austauschbar. Also schreibe ich nichts. Außer diesen kleinen Text, der erklären möchte, warum ich nichts schreibe.

Die sogenannte moderne Literatur, deren Endkunde und Benutzer ich bin, enttäuscht mich immer mehr. Da gibt es Sätze, die nicht klingen und Sätze, die viel zu laut sind und daher unbrauchbar. Kein Gedanke so recht zu Ende, weil dies ja wohl anscheinend die Zeit für Unvollendetes ist. Und erhobene Finger, Zeige- oder Mittelfinger, die immer richtungsweisend daherkommen wollen, wie unsympathische Lehrer in braunen Cordjacken.

Literatur soll nicht autoritär sein. Sie soll dein Ratgeber sein und zuweilen dein Unterhalter. Sie soll bestenfalls in dich kriechen und dich wärmen. Sie soll dich auch krank machen. Und dich angreifen. Du kannst dann immer noch sagen: Ist doch nur ein Buch.

Überhaupt: Kunst, die noch ein bisschen Gefühl in sich trägt, nicht um es zu behalten und zu präsentieren, sondern um es weiterzuleiten, die ist unabdingbar.

Montag, März 20, 2017

Ich15

Am zerbrechlichsten ist der Mensch, wenn er alles versucht hat und doch abschließend bemerken muss, dass es nichts bringt. All seine Leistung, sein Verständnis und seine Einfühlsamkeit hätte auch für die Lebenszeit seines obsessiven Treibens durch Rumhängen, Ignoranz und der lasziven Schönheit des Egoismuses ersetzt sein können. Nie wäre was passiert.

Schlimmer noch. Nach Erkenntnis der Sinnlosigkeit schabt er mit seinen kleinen Händen Löcher ins Nichts, bekommt Bluthochdruck und immense Erschöpfung und dieses Gefühl, als wenn der Magen zerreißt. Und obwohl er sich außen die Haare kämmt und aufs Hemd eingebügelt hat, verwahrlost er innen immer mehr Dann liegt er herum, kein Gedanke hat noch Kraft, eine Bewegung zu simulieren und deswegen denkt er unentspannte Kreise aus Krise.

Es muss viel Zeit vergehen, bis er wieder frei ist. Unsympathisch gealtert stürzt er sich ins Leben, innerhalb dessen er wieder und wieder Schleifen aus Mist erlebt. Das Leben indes langweilt sich mit dem Menschen und wird langsam weniger und dünner. Nicht aus Rache, sondern wegen Biologie.

Um wirklich aus Fehlern lernen zu können, ist man entweder zu arrogant oder macht einfach dergestalt viele Fehler, dass selbst die Möglichkeit frei zu sein aus Gewohnheit als Fehler gewertet wird.

Ich14

Ich bin wach, wenn du es bist, flüstert sie in mein Ohr. Ihre Augen sind geschlossen. Ihr Mund lächelt breit. Dahinter: solide weiße Zähne, deutsche Dentaltechnik und seine Errungenschaften. Ihre Worte klingen wie die Anleitung zu etwas, dass ich mir abgewöhnt habe. Liebe, Rauchen, Zucker, Revolution. Aber ihre Worte sind der Soundtrack zum Aufstand. Aber wir bleiben liegen.

Ich lebe gerade in reduzierter Heftigkeit. Alles macht Pause. Oder fühlt sich so Sterben an? Ist das hier Altern in Würde? Oder das Hinlegen in Erwartung einer Gute Nacht Geschichte, von der man nicht weiß, wie lange sie dauert? Fünf Minuten oder dreißig Jahre?

Was machen wir mit dem Rest des Tages, fragt sie. Nervöse Worte sammeln sich in meiner Mundhöhle. Dann wache ich auf. Niemand ist da und ich breche innerhalb von 3 Minuten alle selbstauferlegten Regeln. Liebe, Rauchen, Zucker, Revolution.

Ich bin nicht tot.

Sonntag, März 19, 2017

Ich13

Heute nur Unausweichliches geschrieben und spazieren gewesen. Vergiss mich nicht, verregneter Dackel an der Ampel. Augenkontakte mit nassen Hunden beim Weg nach irgendwo. Ich online, er an der kurzen Leine. Auf unser beider Gesichter: der Versuch von Mitleid.

Schwierig geworden mit der Empathie. Aber es geht noch. Stumm ertrug der Dackel seine Weggezerrtheit, ich ertrug stumm den Resttag. Vielleicht sehen wir uns alle mal wieder an den illuminierten Plätzen der zukünftigen Gegenwart. Und vielleicht erzählen wir uns dann, was wir wirklich fühlen, wenn wir uns durch die Nässe prügeln oder geprügelt werden. Die Leine zwischen uns und irgendwem, dem wir gerne folgen oder folgen müssen.

Ich12

Ich fühle mich wohl wie eine Ratte in einer Chipstüte. Um mich herum knistert die Welt. Überall klebt alles für alle und zwar umsonst. Meine Gemütlichkeit ist nur vorgetäuscht. Fragil ist jedes Glück, denn alles ist da, sagten sie. Alles an seinem Platz der Gemütlichkeit entsprechend. Wer hat sich diese Entsprechung ausgedacht?

Am Ende der Chipstüte hört dann die Welt auf. Es knistert. Lass es knistern. Es kanistert. Lass es kanistern. Beiss ein Loch in den Horizont.

Ich11

Ich

Eine Frage, die sich neben anderen Fragen immer wieder aufdrängt und an der ich mich ständig vorbeidenken muss: Wie viel Prozent meiner Handlungen entspringen eigentlich purer Verzweiflung? Leute essen aus Verzweiflung, Leute trinken aus Verzweiflung, Leute lachen aus Verzweiflung, Leute fahren in Urlaub aus Verzweiflung und kommen aus Verzweiflung zurück, bleiben aber in Verzweiflung.
Ach, was rede ich hier über Leute, ich meine doch eigentlich immer nur mich.

Mir schreibt ein Autorenkollege, der sich ebenso gut in Sachen Verzweiflung auskennt, wie ich mich da nicht auskenne.

Er: Hab dein letztes Buch gelesen. Dir gehts schlecht, oder?

Ich: Nein, alles super, ist doch nur Literatur. Und selbst so?

Er: Nächstes Buch kommt im Frühherbst, Roman dümpelt, ach, das Übliche, schreiben, schreiben, schreiben und nicht wissen wofür, zwischendurch Tagelöhnerjobs. Und bei Dir so?

Ich: Ja, ein Sklavenjob und ansonsten gut zu tun mit Literatur.

Er: Aber wie geht es Dir wirklich? In Berlin und so?

Ich: Schon ok, ich schreib grad was Biographisches und ein weiteres Theaterstück. Außerdem Straßenmusik mit Kumpel, wobei ich mich als Affe verkleide und Poptexte in ein Megaphon singe. Mit 40 wird das Leben etwas sanfter, auch in Berlin. Aber das Leben bleibt an mir interessiert und andersrum genauso.

Er: Mein Sohn ist mittlerweile 8 und sorgt dafür dass ich mich mit fast 53 wie 35 fühle. Wir sind halt bekloppt und wir können nichts anderes, darum und dafür machen wir die Scheiße ja.

Ich: Ich bin nicht bekloppt. Ich glaube, mein Problem ist, dass ich die ganze Scheiße ernst meine.

Er: Ich weiß, darum folgen dir auch 1000 Verzweifelte und mir nur 3 Banker. Ach, vergiss es, wollte nur Spaß machen, Ironie und so, verstehste, ach egal, mach einfach weiter mit dem was du tust.

Ich antwortete nichts mehr. Er auch nicht. Das nachfolgende Schweigen fühlte sich gut und folgerichtig an. Ich überlege auch kurz, für wen ich das hier eigentlich mache und stelle fest, dass das mir bekannte größte Interesse an meiner Literatur immer noch von mir selbst ausgeht. Das geht sich auf Dauer nicht aus, sagt mein Realitätsverlust und ich weiß, dass er recht hat.

Später gehe ich spazieren. An der Sbahn Warschauer Straße riecht es nach Feuer, wenn man die Treppen runtergeht. Und irgendwie auch nach Blut. Die Luft ist schwer und dick und die Menschen laut und lustig. Da liegen Punks auf einem Haufen und sie sind nicht tot, aber dennoch riechen sie so. Und da ist dieser Typ, der im Sitzen sehr schnell und sprachlich sehr sauber auf Englisch rappt. Er sitzt auf einem Teppich und ein Halbkreis aus Musikinteressierten hat sich um ihn gebildet, während er seine Zeilen in die Nacht spittet. Die Nacht spittet nichts zurück. Was sollte sie auch spitten, die Nacht?

Ich laufe weiter. Rauche eine. Rauche sofort noch eine. Der Himmel sieht aus wie eine brennende Bäckerei. Scheiß Romantik. Am Fluß stehen und runtergucken macht gar nicht ruhig, sondern genauso nervös wie man vorher war. Ich gucke trotzdem runter. Grau, braun, schlackig, der Fluss und drumherum die Leute mit Bieren und viel zu lauten, viel zu vielen Gesprächen. Ich weiß jetzt, warum die Nacht nichts spittet: viel zu viele Eindrücke. Und so eine Nacht hat, wenn es gut läuft, kein Gehirn. Weiterlaufen. Noch eine rauchen. Versuchen einen Haken an den Tag zu machen. Der Haken weigert sich. Die Zeit vergeht trotzdem. Ich glaube, dass ist eins meiner größten Probleme.

Eine Seite in meinem Tagebuch, hätte ich je mit damit angefangen, meine Tage zu dokumentieren, würde heute ungefähr so aussehen:

Liebes Tagebuch,

1. Warum antwortest Du nie, wenn ich Dich voller Fragen schreibe? Wofür lasse ich denn dann immer ein paar Zeilen Platz zwischen den Fragen?
2. Du willst wissen, was heute los war? Warum?
3. Siehst Du, schon wieder nichts. Ich zweifel echt an Deinem Nutzen. Wenn ich hier in ein paar Jahren noch mal reingucke, werde ich mich vor ein paar Jahren sehen und beurteilen können, ob eine Entwicklung in meiner Persönlichkeit stattgefunden hat und ich werde bemerken können, ob sich was verändert hat, ob meine Fragen andere sind oder sogar noch mehr geworden sind. Oder inwiefern sie sich verändert haben. Ob sie dringender sind. Oder gelassener.
4. Glaubst Du, ich krieg das alles hin?
5. Wahrscheinlich lachst Du heimlich über mich, wenn Du Dich mit Deinen Tagebuchfreunden triffst. Ich ahne, dass Ihr Euch nachts, wenn wir frisch vollgeschrieben seit, an einem geheimen Ort trefft und Lesungen aus Euch veranstaltet. Und dann lacht hier und besauft Euch und ständig vergesst Ihr zu antworten. Ihr Tagebuchschweine.
6. Ach komm, vergiss es. Spar Dir Deine Entschuldigungen. Schweig ruhig weiter. Schweig die ganzen Seiten voll. Wenn Du mich nervst, gibt es irgendwann Feuer zwischen die Worte und dann ist Asche. Mit allem.

Bis morgen,
Dein Dirk



Ich10

Die Zusammenfassung des Elends ist keine Auflistung schlimmer Begebenheiten, sondern die Tatsache Arbeitstag an Arbeitstag zu reihen und den Verlust von effektiver Lebenszeit irgendwann als normal anzuerkennen, ihr Ficker.

Samstag, März 18, 2017

Ich9

Was? Offene Fragen. Hä? Warum emotionalisiert mich ein dahergelaufener Disneyfilm bis nach ganz innen? Warum wischen sich alle im Halbdunkel das Wasser aus den Augen und leben dann einfach so weiter? Warum mach ich das genau so?

Nach Hause. Küche. Welt in Aufruhr, sagt das Newsmagazin. Probleme, sagst du mir, löst man nicht mit Liebe, sondern mit Logik. Und das jeder was anderes meint, wenn er Liebe sagt, aber alle das Gleiche meinen, wenn man Kalbsgulasch sagt. Ich glaube, du hast recht.

Ich8

Nichts erzählen zu haben, obwohl es so viele gute Geschichten gibt. Im Verlauf des Abends erneut ein paar soziale Behinderungen bei mir festgestellt. Ein schöne Person steht vom Barocker auf, als ich gerade ankam, will mit mir über eine Lesung verhandeln. Ich bin betrunken und perplex, sage irgendwas, was mich nicht, also ganz bestimmt nicht, wie einen eloquenten Autoren aussehen lässt, eher wie einen Typen, der in eine Bar stolpert und unangemessene Dinge sagt, die nicht zu den gestellten Fragen passen. Sie redet, ich höre und nicke und mache schüchterne Dinge mit den Händen. Am Ende bin ich nicht viel schlauer.

Ich treffe Leute, trinke. Höre auf zu denken. Komme zur Ruhe, bevor sie zu mir kommt.

Am Ende sagt der Taxifahrer, dass alles schon okay sei, die Welt kann ein guter Ort sein. Die Art wie er mich fährt gleicht der Art wie man jemandem eine beruhigende Geschichte vorliest, auch wenn man nichts zu erzählen hat.

Freitag, März 17, 2017

Ich7

Leere Gesichter um 10.40 Uhr. Wenn wirklich alle nachdenken würden, die mit diesen Schwermutsgesichtern haushalten, warum steht dann nie jemand auf, einfach so, in der U-Bahn und sagt: "Jetzt, Leute, jetzt jetzt jetzt, ich hab sieben Jahre schwermütig überlegt, bin sogar von Parties und angenehmen Orten ferngeblieben, hab mich zuhause weggeschlossen und den ganzen Schwachsinn weggelassen, nur um weiterhin belastendes Zeug zu denken und jetzt weiß ich, was uns hilft." Die Mitreisenden sind gespannt. Der Typ hingegen sagt nichts mehr. Steigt aus. Wird von Zufallsbekanntschaften zusammengetreten. Die Solidarität der Abgehängten und Enttäuschten. Immerhin ein gemeinsames Projekt.

Kurz vorm Ausbluten sagt er dann: "Nichts hilft mehr." Alle feiern weiter.

Donnerstag, März 16, 2017

Ich6

Traurige Menschen bei Mc Donalds. Sitzen in der Ecke. Ganz in der Ecke. Mehr in der Ecke geht nicht. Essen hastig und simulieren Lebensmut, während ihr Essen Lebensmittel simuliert. Tippen Dinge in ihr Handy, in der Hoffnung, dass die Welt auf irgendwas wartet, was nur sie können. Oder starren aus dem Fenster, auf das vielleicht irgendwas, am besten aber irgendwer an ihrem Blick hängenbleibt.

Glückliche Menschen bei Mc Donalds. Ihnen ist heute viel passiert und sie reden darüber. Sitzen in der Mitte und sind laut. Ihre Stimmen klingen wie Gesang. Sie sind dermaßen interessant, dass sie, würden sie nicht erzählen können, wie interessant sie sind, einfach verdampften.

Ich gehe draußen vorbei, werfe ein paar Blicke durch die Glasfassade, starre, aber nicht zu lange, höre derweil ein Mozart Requiem und zerschneide die Welt wie eine Pizza, bevor ich mich für irgendwas entscheiden muss.

Ich5

Austausch. Die ganze Zeit. Essen. Kacken. Ein- und Ausatmen. Der große Pathos tritt nie ein, wenn man über lebenserhaltende Maßnahmen schreibt.

Die Zahnarztempfangsfrau war an den Unterarmen bläulich tätowiert. Sie lächelte wie eine Sonnenblume. Morgen sehe ich sie wieder. Vielleicht Angst und Schmerzen? Wie sagt man Menschen, die weit entfernt auf anderen Planeten tanzen, dass man sie cool findet? Ich schütte einen Kaffee in den Zwiespalt. Ahnungslos.

Ich4

Ich lese Jelinek. Dabei wird mir immer kalt, obwohl draußen Frühling beginnt. Blumen brechen durch den Rasen. Hobbyfotografen liegen im Hundekot auf der Wiese und halten die Blumen fotografisch fest. "Guck mal, Frühling", bloggen sie dann und sind auch sonst nicht sehr sympathisch. 

Mir ist ohnehin oft kalt, obwohl es draußen Frühling wird. Jelinek bohrt sich immer korrekt durch mich durch, als wäre ich nur ein Objekt aus Holz und ihre Literatur eine Schlagbohrmaschine. Sowas möchte ich auch können. Schlagbohrmaschinenliteratur. Weh tun soll es und ein bisschen laut sein kann es und es können sich ruhig ein paar Nachbarn beschweren. 

Vorhin bin ich sinnlos rumgelaufen, auf der Suche nach irgendwas, dass, wenn ich es gefunden hätte, mir den Sinn der Suche offenbart hätte. Die Suche blieb aber offen und ich ging in den Späti und erwarb ein Hanuta, das nicht so schmeckte als wäre es das Ende einer Suche, sondern nur das Ende einer Unterzuckerung und der Beginn einer Erinnerung an meine Kindheit. 

Ich habe leider Angst vor lauten Werkzeugen. Und vor Waffen. Alle Waffen außer Worte sind scheiße. 


Mittwoch, März 15, 2017

Ich3

Ein Artikel, den ich heute morgen zum ersten Kaffee las, fragte sich, aber auch mich, was eigentlich Literatur darf. Natürlich darf sie alles, wie die Satire und sonstige Kunstformen. Eine Freundin meinte gestern am Telefon, ich hätte die Eigenschaft, mich hinter der Literatur zu verstecken, könnte ja machen, was ich wollte, wäre ja niemals haftbar zu machen und fragte dann, inwiefern ich diese Freiheit eigentlich nutzen würde. Zynischer Jammerlappismus, nannte jemand einst die Literatur von Houellebecq. Wird man so? Werde ich so? Auf Dauer? Will man das? Ist das eine Haltung, mit der man 45jährig assoziiert werden will?

Es geht natürlich auch darum, immer seine Kunst zu verteidigen. Gegen die, die behaupten, das sei überhaupt keine Kunst. Das ist zuweilen schon schwer genug, den es hat ja noch Alltag. Zum Beispiel: Postamt. Warteschlange. Hinter mir eine Frau, mindestens 1,90 m groß, man sieht ihre Angestrengtheit in ihrem Leben. Bluthoch- oder Leidensdruck, man weiß es nicht. Sie atmet stoßweise in meinen Rücken. Ich erledige meine Geschäfte, habe einmal kurz Gelegenheit, mich umzusehen und sie ist die traurigste Gestalt eines schönen Frühlingsmorgens. Als ich meine Dinge hier beendet habe, versucht sie ein Lächeln, geht auf die Postfrau zu. Nichts ist echt. Alles zerbricht.

Wie viele gute Jahre wird man noch haben? Wieviel Zeit davon wird Qualität haben? Was kann ich dafür tun, dass diese Eindrücke sanfter werden?

Dienstag, März 14, 2017

Ich2

In der Bahn. Vorhin. Auf dem Rückweg von irgendwo. U8. Ein Typ mit verkrustetem Gesicht steigt in die Bahn. Jeder denkt, jetzt geht diese Bettellitanei los. "Hallo, obdachlos, Hilfe, Hunger, Geld, danke." Aber nein. Der Mann setzt sich neben mich, der einzige freie Platz in meiner Reihe. Gegenüber, sieht er, ist noch mehr Platz. In all seiner taumelnden Verschlissenheit steht er auf, redet irgendwas. Er riecht nach Kot und Abwasser. Er legt sich hin, blockiert drei Sitze in seiner embryonalen Haltung. Schließt die Augen. Spricht leise mit sich selbst oder mit Geistern. Redet weiter. Auf seinem Gesicht sammelt sich ein friedliches Lächeln. Ein Streifen Schorf fällt auf den grauen Fußboden.

Ich sehe ihm 4 Stationen zu, wie er friedlich schläft, denke nichts, sammel mich in seinem Lächeln. Das Schönste, was ich heute gesehen habe.


Montag, März 13, 2017

Ich1

Der Autor. Der Typ, der ich bin. Der Versuch, daraus etwas zu machen. Da entsteht eine Emotion. Man weiß nicht, was es soll. Ich bin ein bisschen aufgeregt, das alles gehört nicht mir. Internet. Viele Worte. Man weiß nicht, ob man sich wehtut. Es macht keinen Sinn.

Was mache ich hier eigentlich? Was habe ich die letzten Jahre gemacht? Hat das hier noch Hemmschwellen? Die Sätze werden nicht unkomplizierter. Was passiert? Dies hier ist ein leises Tagebuch. Püriertes Gehirn. Pürierstab auch im Brustkorb.

Wie siehst Du Deine Rolle als Künstler im Spannungsfeld zwischen Politik und Emotionen? Gerade heute. Heute gerade. Das sind so Fragen. Hier schreibe ich hirnlos. Affektiv. Nur Gefühl. Dafür muss man auch verurteilt werden, für das Gefühl. Wenn man alle Sachen, die so sind, emotional beleuchtet, kommt man zu nichts.

Denken. Immer dieses Denken. Zum Beispiel an Dich. Kommst nicht mehr wieder. Weiß das wohl. Hast ein Loch gerissen. Loch wächst zu. Ist doch egal, sagen alle und hahahaha, usw. Das geht in die Wiederholung. Passiert oft. Eines geht, ein anderes taucht auf. Man umarmt sich. Und geht wieder weg.