Dienstag, Dezember 04, 2018

Ich334

ich habe heute eine Weihnachtsgeschichte geschrieben
es ist uncool, Weihnachtsgeschichten zu schreiben
ich glaube, das war auch der Grund




Und über allem liegt der friedliche Geruch konsequenter Verwesung

Die alte Frau Hagemann öffnet den Weihnachtsmarktstand. Westfälische Holzschnitzereien. Alles sieht ein wenig rustikal und traurig aus. Da gibt es Engel, Weihnachtsmänner, sogar ein Rentier und eine Krippe, die aus einem Eichenstammblock geschnitzt wurde. Das sieht alles nicht wirklich schön aus, das weiß auch die alte Frau Hagemann. Aber sie steht hier von Jahr zu Jahr und verkauft diese Gegenstände. Ihre beiden Töchter arbeiten in einer Werkstatt für behinderte Menschen und produzieren derartige Arrangements. Nein, eigentlich nicht wirklich, die Töchter sind lediglich imstande die Tannenzweige auf die Fixierungsplatten zu kleben und das auch nur mit großer Unterstützung eines Mitarbeiters.

Die alte Frau Hagemann denkt sich, seit ihr Mann tot ist, und der starb schon vor fast 25 Jahren, dass man doch mal Opfer bringen könnte und eines dieser Opfer ist in der Kälte zu stehen und eben diese Holzwerkstattsprodukte anzubieten. Sie arbeitet allein, sie hätte auch eine Schicht haben können, wo sie mit einem Mitarbeiter der Werkstatt zusammen gewesen wäre, aber die alte Frau Hagemann hat es nicht so mit diesen kompliziert denkenden Pädagogen. Und dann am besten noch irgendso ein Praktikant, der die ganze Zeit am Handy daddelt, da macht sie ihre Schicht doch lieber alleine. Hat sich zuhause Hagebuttentee gemacht und zwei Käsebrote belegt und denkt sich, die alte Frau Hagemann, dass man damit doch gut durch den Tag kommt.

Dinge, die Menschen mit Behinderung gebaut habe, weiß auch die alte Frau Hagemann, kaufen Leute nicht, weil sie die Produkte schön finden, sondern zumeist aus irgendeinem Grund der zwischen "schlechtes Gewissen" und "Mitleid" liegt. Wenn sie der Tatsache gewahr werden, dass die Schnitzereien eben von Menschen gefertigt wurden, die physisch oder kognitiv nicht das können, was man selbst für einen Normalzustand hält, gemischt mit dieser heimeligen Weihnachtsmarktatmosphäre, da kann es schon mal passieren, dass jemand wirklich etwas kauft am Stand der alten Frau Hagemann. Ein Schild, das die Herkunft der Produkte bezeugt ist deswegen auch gut sichtbar am Stand angebracht.

Aber da die Realität eine Sau ist und der Stand der alten Frau Hagemann eingeklemmt zwischen einem blinkenden Weihnachtsmützenangebot mit Rentierhörnern und einem Glühweinstand, hat sie eben Pech, dass sich die Leute zumeist bei ihren Standnachbarn umsehen, statt ihr Angebot in Augenschein zu nehmen. Ihre Schicht beginnt um 16 Uhr und soll am heutigen Tag bis zum Ende des Marktes gehen, was 22 Uhr wäre. Etwas verlassen steht sie also da und schaut, während sich links von ihr Leute mit blinkenden Mützen ausstatten, die sich rechts von ihr versuchen, ihren Spaß mittels alkoholischen Getränken zu maximieren. Die Holzarbeiten scheinen keine gute Saison zu haben.

Jetzt kommt doch so ein Typ an ihren Stand, als die alte Frau Hagemann gerade einen Schluck vom Hagebuttentee genommen hat und grunzt besoffen ihre Auslagen an. Er taumelt schon gehörig wegen seiner Glühweinfüllung und schaut mit der ihm innewohnenden Arroganz eines feierwütigen Besserverdienenen auf das Schnitzwerk. Murmelt dann: "Wer sich sowas in die Wohnung stellt, ist doch selbst behindert." Geht wieder zu seinen lachenden Freunden, die auch alle blinkende Mützen tragen. Kurze Zeit später stehen derselbe Mann und einer seiner Freunde hinter dem Stand der alten Frau Hagemann und lassen stöhnend Urin ab. Die Rückseite ist abgedichtet durch eine blickundurchlässige Plane, die aber nicht ganz bis zum Boden reicht. Pissepfützen umspülen alsbald die Lederstiefel der alten Frau Hagemann. Die kommt sich immer verlorener vor. Eingerahmt und drangsaliert von diesen irren Betrunkenen.

Pissegeruch, Glühweingestank, dazwischen diese überlaute Weihnachtsmusik, die ständig versucht, Harmonie zu streuen, wo es keine geben kann, das Gejohle von Betrunkenen, der alten Frau Hagemann wird unruhig zumute. Sie ist durchaus jemand, die einiges erträgt, aber manchmal ist da eine Weichheit in ihr, die macht, das alles zuviel wird. Die Unachtsamkeit der anderen führt meist dazu. Dann keimt in der alten Frau Hagemann auch manchmal ein bisschen Hass auf und der Wille zur Selbstjustiz. Wäre es erlaubt, nach Übertreten persönlicher Grenzen jemanden mit einem geschnitzten Weihnachtsgesteck den Schädel zu öffnen, jetzt wäre ein guter Zeitpunkt. Die alte Frau Hagemann erschrickt vor ihren Gedanken, weiß aber auch, dass darin eine Menge Gerechtigkeit läge. Sie hält es aus, das ganze Negative in ihr, den ganzen Gedankenschlamm, der manchmal ihr mütterliches, warmherziges Denken durchkreuzt und beeinflussen will. Bleibt aber still verwurzelt und schaut neutral in ihren Hagebuttentee.

Rache ist nicht das Ding der alten Frau Hagemann. Sie ist eine gottesfürchtige Person, schon von Kindesbeinen an. Gott, der Herr, wird alles richten und am Ende ein Gleichgewicht schaffen zwischen den Leidenden und den Aggressoren auf der Welt. Daran glaubt die alte Frau Hagemann wirklich. Wann aber dieses Ende stattfinden soll, hat der alten Frau Hagemann niemand gesagt. Sie ist geduldig.

Es ist jetzt 21 Uhr und sie könnte die Situation verlassen, weil der Dienstplaneinteiler meinte, wenn absehbar wäre, dass niemand mehr käme, um die westfälischen Holzschnitzereien aus der Behindertenwerkstatt zu begutachten, geschweige denn zu erwerben, könnte man den Stand auch vorzeitig schließen. Die alte Frau Hagemann aber denkt: 22 Uhr war abgemacht, bis 22 Uhr kann ich auch bleiben. Zuhause wartet ohnehin nur ihr altes Ehebett, auf dem sie immer noch auf der ihr angestammten Seite zum Erliegen kommt und die Fotos ihrer Töchter und ihres verstorbenen Mannes.

Wieder stolpert jemand aus dieser Gruppe ungeschickt vom Mützen- zum Glühweinstand, fällt ungeschickt auf ihre Auslagen und reißt zwei geschnitzte Engel in die Tiefe. Zorn glimmt auf in der alten Frau Hagemann. Als der Mann wieder Herr seiner Schritte ist, kotzt er noch einen Strahl Glückweinwurstkotze vor den Holzstand und taumelt unentschuldigt weiter. Die alten Frau Hagemann denkt sich, dass sie noch eine halbe Stunde durchzuhalten hat, bis sie endlich diesen Stand schließen kann. Ihr Pflichtbewusstsein hindert sie daran, aufzugeben. Sie holte die gestürzten Engel zurück in den Stand und säubert sie mit lauwarmen Hagebuttentee. Aushalten. Aushalten.

Mit zerrüttetem Stolz schließt die alte Frau Hagemann um 22.10 Uhr ihren Stand ab, verlässt ihn sauber und gespflegt, selbst die Pfütze mit dem Erbrochenen hat sie olfaktorisch mit Hagebuttentee gelöscht. Komplett hat das nicht funktioniert, aber bis morgen wird sich der Gestank verzogen haben. Auch die Männergruppen nehmen letzte Getränke entgegen, weil der Inhaber des Glühweinstands ebenfalls zu schließen gedenkt. Laut und dumm sind sie immer noch, aber das geht vorbei, wenn man sich von ihnen entfernt.

Als sie zwischen Glückweinbechern, Essensresten und Einwegweihnachtsdevotionalien durch die Gänge der zumeist schon geschlossenen Stände geht, denkt die alte Frau Hagemann über Gerechtigkeit nach und was das überhaupt ist. Ihre Gedanken sind klar, aber nicht mehr so feindselig wie vorhin. Ihr ist bewusst, dass es nicht ihre Angelegenheit ist, über irgendwen zu richten, irgendwen bewusst ins Unglück zu stürzen. Aushalten. In drei Tagen ist Heiligabend.

Am 24. Dezember fährt die alte Frau Hagemann am Vormittag ins Wohnheim und redet lange mit ihren Töchtern, die nie imstande waren zu antworten oder Augenkontakt zu halten. Außerdem spricht sie auch ein bißchen mit dem pädagogischen Personal. Sie hat Schokolade für ihre Töchter mitgebracht, die sie ihnen langsam Stück für Stück reicht. Brauner Speichel rinnt aus freudvoll kauenden Gesichtern und auch die alte Frau Hagemann ist zufrieden mit sich. Als sie geht, wünscht sie allen Bewohnern und Mitarbeitern ein fröhliches Fest. Einige antworten, die meisten schweigen.

Den Heimweg bestreitet sie seit Jahren zu Fuß. Es ist schon dunkel geworden und vor fünf Jahren musste die alte Frau Hagemann noch keine Pausen machen, heute sind es drei. In ihrer Wohnung schaut sie andächtig die Heilige Messe im Fernsehen an. "Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund", spricht der Pastor und die alte Frau Hagemann sagt: "Amen." Dann denkt sie über Würde nach, aber nur ganz kurz, bis es anfängt weh zu tun, dann tut es ein bisschen weh und dann sagt der Pastor: "Amen" und die alte Frau Hagemann guckt kurz wie ein kleines Mädchen, dem man die Lieblingspuppe entrissen hat, gewinnt aber schließlich wieder die Kontrolle über ihren Ausdruck. Ist ja auch niemand hier, der ihn begutachten könnte.

Die alte Frau Hagemann geht durch ihre Wohnung wie eine unlängst angeschossene Person, die versucht würdevoll zu laufen. Sie holt sich ein Glas Wasser aus der Küche und gönnt sich Lebkuchen. Ihre Träume sind schwarz-weiß und langsam. Trotzdem wacht sie jeden Tag auf.

Montag, Oktober 29, 2018

Ich333

Youtube. Sonntag Abend. Ungefähr eine Stunde dabei zugesehen, wie jemand diverse Dinge in einen Schredder wirft. Plastik im Todeskampf. Fantadosen springen auf und kotzen Zucker. Feuerzeuge explodieren. Eine Deodose stöhnt. Langsame Zerstörung. Zärtliches Knistern. Entmaterialisierung von allem. Fühle mich seltsam erholt und zuversichtlich bestätigt.

Freitag, Oktober 26, 2018

Ich332

Nur in einer Bar gesessen. Zwei dänische Boys kennengelernt. Gefragt was man so macht. Hatte keine Lust, über mein Leben als Autor zu reden, also sagte ich, dass ich Baggerfahrer sei. Wir unterhielten uns über die Tiefe von Löchern, die ich angeblich gegraben habe. Das funktionierte ganz gut.

Schnaps. Ich lachte laut über einen Witz, den ich sofort danach vergessen habe. Fußball. Alles wurde egaler. Niemand von uns liest Bücher, verstand ich irgendwann. Die beiden Jungs nicht, ich in meiner Baggerfahrerattitüde bin auch immer nach 10 Stunden Baggerns derart erschöpft, dass ich Literatur auch ablehne.

Aber wir haben alle gute Schulabschlüsse und mega nette Ehefrauen. Ich empfahl noch verschiedene Schaufeln für die Gartenarbeit und alsbald auch mich. Noch Schnaps und dann weg. Draußen Kälte. Ich schämte mich, als ich an einer Baustelle vorbeilief, weil ich überhaupt keine Ahnung habe, was man da tut.

Zuhause war mir die Lüge noch peinlicher, aber es gibt ja auch diese Gespräche, wo man erzählen muss, worüber man schreibt und dann soll man erklären wo das alles herkommt und die Leute sind mit der Antwort Magie sehr unzufrieden. Ich schreibe noch ein paar Sätze und entschuldige mich für meine Lügen. Morgen fahre ich mit dem Bagger über ein paar Bücher.

Montag, Oktober 08, 2018

Ich331

Jetzt ist gerade irgendwo der Punkt verpasst worden an dem mich hätte entscheiden können wie es weiter geht. Jetzt geht es weiter, aber ohne meine Entscheidung.

Montag, August 20, 2018

Ich330

und das Ergebnis meines Lebens ist ...

Montag, August 13, 2018

Ich329

Ich habe eines Tages aufgehört, deine Ignoranz zu bedauern. Ab da wurde alles gut.

Mittwoch, April 11, 2018

Ich328

Frage mich, was mit denen los ist, die die Ergebnisse ihrer Schrittzähler auf Facebook oder Instagram veröffentlichen. Lobdefizit? Schlimme Kindheit? BWL-Studium zu kurz? Man kann nur einmal innerhalb von 4 Jahren die FDP in den Bundestag wählen?

"Seht her, ich bin viel beschäftigt und mega agil, habe aber noch die sozialen Fähigkeiten eines Pfarrers in der Leprastation und teile meine physische Übermacht mit Euch unwerten Dummbeuteln, damit ihr mir nacheifert, damit wir alle eine Generation aus Fitness werden."

29.000 Schritte wären bei ihm Standard, meinte er und starrte Vorwürfe auf meinen zuweilen von Trägheit ergriffenen Körper, der sich nicht traut, Schritte zu messen, weil das Ergebnis vielleicht sogar die Anschaffung von Schuhen infrage stellen könnte.




Ich327

Und da wir heute alle nicht umgebracht wurden, ist morgen auch noch ein Tag. Unzählige Optionen unsere Leben zu ändern, zu beenden oder großartig zu machen, werden wir leider verstreichen lassen müssen, weil der Job uns bekniet wie ein Straßenräuber, der Turnschuhe oder Leben, du Opfa brüllt. Oder wir unterliegen anderen Zwängen und lassen uns von unserem Handy wecken, um es dann nicht mehr aus den Augen zu lassen, bis wir wieder eingeschlafen sind. Alles geht einfach so vorbei. Ich bin nur hier, um Ihnen zu erzählen, dass unser aller Existenz überhaupt keinen Wert hat. Null.

Ich selbst verschimmel auch wie übriggebliebenes Brot. Entweder man wird gefressen oder vergammelt unbeachtet. Brot wie Mensch. Das sind jetzt alles keine neuen Gedanken, aber ich will diesen Fakt trotzdem kurz festhalten, weil ich glaube, dass es gut ist, ihn kurz festzuhalten, um ihn zu verstehen und nicht einfach so wegzuunterteppichen. Üblicherweise machen wir das mit unliebsamen Wahrheiten. Dann sagen wir: Wahrheiten sind total subjektiv und zwar solange bis wir es selbst glauben.

Kürzlich war ich irgendwo und ich redete mit einer Kleinfamilie über Liebe. Die Kleinfamilie sagte, dass man doch sehen könne, dass Liebe etwas Gutes bewirken würde und nannte als Beispiel alte Paare, die sich ja einfach liebhaben müssen, um sich dergestalt lange zu ertragen. Ich erzählte in zwei Beispielen von Paaren, wo einmal jemand mit über 70 gegangen ist und ein anderes Mal der Partner einfach gestorben ist und der übrig gebliebene Mensch heilfroh war, jetzt frei zu sein. Aus moralischen Gründen mochte man sich nicht trennen, jetzt hatte man also noch 5 - 10 gute Jahre vor sich, um dann in die Grube zu fahren. Und die Übriggebliebenen jubilierten massivst. Nie im Leben des anderen hätten sie gewagt zu gehen. Gründe gab es tausende, aber man hat lieber im Namen der Liebe still vor sich hingeblutet, bis es halt eben vorbei war. Die anwesende Kleinfamilie war total erzürnt und verweigerte mir sogar die Teilhabe am extra zubereiteten Nachtisch.

Ich habe gerne mit Liebe zu tun, aber sie rettet uns nicht vor der Alltäglichkeit. Sie verbringt keine Wunder, sie rettet objektiv gesehen kein Leben. Dass es sie gibt, obwohl sie nur ein zufälliger Prozess ist, ist trotz allem essentiell.



Donnerstag, Februar 22, 2018

Ich326

Das müde Mädchen

Der Vater war schon müde
kaum die Mutter zu erwähnen
auch die Großeltern im Halbschlaf
ergo, es liegt ihr in den Gähnen

Donnerstag, Februar 01, 2018

Ich 325

tell someone you love them
today
tomorrow
maybe day after tomorrow

if not possible
don´t break
tell yourself
you
love yourself

don´t miss yourself

tell the people
tell them

try
to
set
yourself in position
to love you
be
beautiful
today

Ich324

?

was wir brauchen, ist die fähigkeit des menschen seinen verstand in vernunft zu transformieren
was wir haben ist die möglichkeit die fähigkeit des menschen seinen verstand in vernunft zu transformieren
was geschieht ist dschungelcamp

Sonntag, Januar 21, 2018

Ich323

Wenn man Menschen hilft, die umziehen, entsteht manchmal eine seltsame Sehnsucht, auch wegzuwollen. Seinen Hausrat in ein Auto und irgendwo neu anfangen. Aber das ist feige, wenn man einen Ort verlässt, an dem man noch einige Baustellen betreibt. Ich bleibe und schaue zu, wie andere gehen. Wie deren Leben besser wird. Mein Leben steht an der Bushaltestelle.

Dienstag, Januar 02, 2018

Ich322

Ich hab nie recherchiert für Bücher. Immer nur ins Leben gelangt und gehofft, dass es ausreichend ist, so zu sein. Und heute: 3 Sätze geschrieben. Alle hoch und wackelig. Einsturzgefährdet. Ich scheiß auf die Regeln, wie man einen großen Roman schreibt. Greife weiter ins Leben.

12.50 Uhr: Ich springe auf einem Trampolin. In einer therapeutischen Einrichtung. Augen geschlossen, so kommt es einem vor, als flöge man ins unlimited Weltall.

13.08 Uhr: Ich schreibe einen vierten Satz.

Montag, Januar 01, 2018

Ich321

Gutbestes Silvester. Allen Leserinnen und Lesern: Happy 2018. Da ich nicht das Zeug zum Influencer habe, ziehe ich mich aus dem Blogbusiness zurück. Werde einen Roman schreiben. Ab und zu werden hier Sachen zu lesen sein, aber nur, wenn es wirklich was gibt, was leuchtet.

Liebe,
d.

Sonntag, Dezember 31, 2017

Ich320

Fiesta. Den ganzen Tag schon. Jetzt Weißwein. Auf der Straße lachen die Leute Dein Lachen. Ich höre sentimentale Musik, damit ich meinem Rausch gerecht werde. Bis bald, Asphalt.

Samstag, Dezember 30, 2017

Ich319

Lass uns einen Moment drüber reden.

Worüber?

Über das Problem der Ernsthaftigkeit.

Ich habe kein Problem.

Vielleicht reicht ein Moment nicht aus.

Wieviel Zeit brauchst Du?

Jetzt und danach.

Bitte.

Freitag, Dezember 29, 2017

Ich318

Der Typ in der Bibliothek, der die Bücher einsortiert, scheint ein Problem zu haben. Er ist kein Typ für Pärchen Vintage Bilder, sondern eher der Mann, den man sich in einer heizungslosen Holzhütte im Wald vorstellt. Er knechtet einen Wagen durch die Gänge und ist auffällig laut beim Einsortieren der Bücher. In der Bibliothek ist sonst immer alles leise. Niemand redet, ab und zu ein Räuspern. Ich liebe diesen Mann für den bulligen Gegenentwurf, den er darstellt. Zornig im Bücherwald.

Donnerstag, Dezember 28, 2017

Ich317

Schreiben brodelt. Da will was raus. Wie aus den Lungen eines Sterbenden. Ich warte noch auf den guten Moment. Auf ein paar Tage Zeit. Bis der Druck so weh tut, dass die nächste Sekunde Unaushaltbarkeit verheißt. Sich Zeit lassen, das Brodeln angucken, darin einen Rhythmus erkennen.

Mittwoch, Dezember 27, 2017

Ich316

Die Verästelungen des Baums, den ich vom Bett aus sehen kann. Die Natur funktioniert. Ich könnte auch.

Dienstag, Dezember 26, 2017

Ich315

Wortkargheit ist in Westfalen üblich. Sprechen ist manchmal kauen, husten oder nicken. Hier habe ich Schweigen gelernt und alles, was ich weiß.

Montag, Dezember 25, 2017

Ich314

Waldspaziergänge helfen gegen die Aussicht auf unangenehme virtuelle Realität. Wie sieht mein Tag 2031 aus? Hab ich dann noch Sehnsucht nach anderen?

Sonntag, Dezember 24, 2017

Ich313

Die beste Rache, hab ich mal gehört, gegen alle, die mir subjektiv Unrecht getan haben, ist wohl, ein gelingendes Leben zu führen. Wie schwierig das ist, merke ich beim Versuchen. Raus aus dem Opferstatus, hinein in eine Idee von einem selbst, die es noch gar nicht gibt. Ich denke rückwärts und wie schön es war, mit ihr zu tanzen. Warum Rache, wenn das Standbild davon viel zu schön ist?

Samstag, Dezember 23, 2017

Ich312

Der Tischschnaps war Franzose. Cassis. Er wollte mich unter einer Welle aus Glück beerdigen. Wir redeten viel. Über die Zeit, in der unsere Eltern sterben werden und wie wir damit umgehen müssen. Niemand weiß so recht. Die Realität ein bisschen weglachen. Immer aber am Puls sein. Wir lachen viel. Keiner hat eine richtig gute Idee von einer gesunden Zukunft. Wir erkennen Fehler. Wir wissen nicht, wer sie zerstören kann.

Auf dem Heimweg sehe ich in der U-Bahn einen Schatten, der wie ich in zwei Jahren aussieht.

Freitag, Dezember 22, 2017

Ich311

In Anbetracht dessen, was es überhaupt zu fühlen gibt, ist da gerade wenig los. Ich werde das dumpfe Gefühl nicht los, Teil einer Elefantenherde zu sein, die schon mal losgerannt ist.

Donnerstag, Dezember 21, 2017

Ich310

Schlechte Träume. Ein Pferd. Brutal. Alle kaputt. Das ganze Dorf zerstört. Das Fest vorbei. Für immer. Dann als Abspannmusik, versöhnlich: The Cure - A letter to elise. Hilft. Erinnerungen an mich. Dancefloor. Put your hands in the sky. Usw. Dann aufgeräumt. Weiterleben. Pferde meiden.

Mittwoch, Dezember 20, 2017

Ich309

Eine neue seltsame Art von Einsamkeit ist in mein Leben getreten. Immer komisch, wenn irgendwas ins Leben tritt und das Leben dann kurz so wegspringt, dann aber immer noch funktioniert. Also die Einsamkeit von der ich rede entspricht in etwa dem Gefühl mit Jogginghose vor seinem Laptop zu sitzen, von 5 möglichen Stunden nur eine halbe zu schreiben und die restliche Zeit irgendwo in den Untiefen des Internets zu verbringen, ohne jetzt überhaupt mal den Effekt von Mehrwert spüren zu wollen. Danach und davor guckt man einfach und liegt und denkt ein bisschen, aber nicht zu schwierig.

Ich habe eine Postkarte erhalten, die mich angefasst hat.

Nein, nicht schwierig denken, nur da liegen, Kopf aus, Musik an und dem Leben die Chance geben, einfach mal über einen herzufallen. Schicksalsschläge gab es zuletzt einige, aber das komische an ihnen war, das mich keiner wirklich berührt hat. Da stirbt jemand aus der Familie heraus und du sitzt da und sagst nach einer kurzen Phase, jetzt aber weiter mit dieser Einsamkeit, ich kann noch einsamer werden, irgendwann bin ich dann der Einsamste unter den Einsamen, Einsamkeitsweltmeister quasi und die Tür geht nicht mehr auf, weil man verlernt hat, wie man eine Klinke bedient.

Aber ich bin nicht so ein krasser Typ, der so vor sich hin verwest, nein, meine überaus legere Art und Weise bugsiert mich an komische Orte, die manchmal mit Vergangenheit zu tun haben, z. B. war ich heute bei der Lesung von wem. Am Ende war es interessant. Ich trank Wasser, alle Bier und ich habe  versucht herauszufinden, wie Literatur funktioniert.

Ich habe ja sowas von keine Ahnung.

Dienstag, Dezember 19, 2017

Ich308

Hass & Panik bleiben manchmal übrig, wenn du gecheckt hast, dass deine Festgefahrenheit deine Idiotie begünstigt. Bin wohl einer von denen, die hohl an sich selbst scheitern, während der Rest Raumschiffe baut.

Montag, Dezember 18, 2017

Ich307

Ein Märchen

Es war einmal ein Gedanke, der war sehr haltbar, wurde für unsterblich gehalten und dominierte den Kopf eines Jungen für lange Zeit. Der Junge versuchte alles, um diesen Gedanken loszuwerden, weil es kein guter, sinnvoller Gedanke war, sondern ein destruktiver und ausbremsender. Er schlug seinen Kopf in rasender Besoffenheit an die Wand und der Gedanke blieb. Er las fast alle wichtigen Werke der Weltliteratur, aber der Gedanke blieb. Er aß im Ecstasytaumel Eierlikörsahne aus dem Arschloch einer Prinzessin, aber der Gedanke blieb. Ab und zu weckte ihn der Gedanke nachts auf und versuchte den Jungen zu erniedrigen. Er erkannte, dass es so nicht weitergehen würde. Auf einer Wanderung zu irgendeinem ominösen Typen, der ihm versprochen hatte, er könne jeden, wirklich jeden sich wiederholenden Gedanken töten, traf er einen Fuchs mit Sommersprossen. Sie tranken Schnaps und schliefen im Fuchsbau, wo er mit seiner Familie lebte. Nach dem Trinkabend stellte der Fuchs dem Jungen eine Frage: "Glaubst du echt, dass dir jemand helfen kann, der nicht du bist?" Der Junge überlegte eine Weile. 10 Jahre später meinte er: "Ich glaube nicht." Dann ging er nach Hause, wo der Gedanke schon auf ihn wartete. Der Junge fragte den Gedanken, was er hier wolle, doch der Gedanke schwieg schwierig. "Ich denke dich ungern", sagte der Junge zum Gedanken, worauf der Gedanke sein Gesicht verzog und ganz nachdenklich wurde. "Ich dachte immer, ich tu dir gut, aber es wird wohl besser sein, wenn ich Land gewinne, ohne ein Spekulant zu sein." Der Junge nickte, schlief ein und etwas in ihm starb. Der Gedanke wurde nie wieder gesehen.

Sonntag, Dezember 17, 2017

Ich306

Der einzig ever besoffen geschriebene Text ist dieser hier. Fußball. Katapult. Action. Revolution. Arschloch. Ich. Ende.

Samstag, Dezember 16, 2017

Ich305

Meine Damen und Herren, wir sind eine Sendung mit Hörerbeteiligung, deswegen jetzt in der Leitung Herr Bruhns aus Raesfeld.

Hallo.

Hallo.

Ja, ich wollte mal sagen, dass ich Ihre Sendung sehr gerne höre, ich bin etwas aufgeregt, entschuldigen Sie mich.

Nein, Herr Bruhns, das ist eine Sendung für unaufgeregte Menschen, bitte stellen Sie Ihre Frage oder verbleiben Sie irgendwo.

Ok, gut, also ich würde gerne vom Studioexperten wissen, was eigentlich passiert, wenn ein wichtiger Brief ankommt, man aber keine Hände hat, um ihn zu öffnen. Also man hat im allgemeinen schon Hände, gesunde sogar, aber beim Anblick dieses Briefes verkümmern sie. Was ist zu tun?

...

Ja, was kann ich tun? Ist es eine bewusste Reaktion? Soll ich Anstrengungen unternehmen, die es besser machen?

Herr, äh...

Bruhns, ein blöder Name, ich weiß. Mein Vater hat eine Tapetenfirma.

Experte: Ich sehe da wenig Chancen.

...

...

Klick.

Freitag, Dezember 15, 2017

Ich304

Als dann der Spaß explodierte, weil der Bass einsetzte und alle wie die Verrückten durch den Raum sprangen, war ich endlich wieder ich. Die Hölle hat einen Lichtschalter.

Donnerstag, Dezember 14, 2017

Ich303

Literatur ist auch nur ein Substitutiv für Suizid.