Mittwoch, Oktober 16, 2019

Ich344

"Sehr geehrte Fahrgäste,

aufgrund eines Polizeieunsatzes Höhe Warschauer Straße fällt die Sbahn aus."

So sagt es die Stimme aus Blech. Zur Arbeit muss er. An seinen Kontostand denkt er. An den Blick des Chefs denkt er, der ihn immer unsensibel behandelt. Also der Blick ist seltsam geringschätzig, der Chef ist nett, das ist ja das Perfide. An sie denkt er nicht mehr, außer manchmal und dann sehr. Auch perfide.

Polizeieinsatz meint oft Suizid, weiß er. Kürzlich ein Interview mit einem Popstar gesehen, fällt ihm da ein, wo der Popstar meinte, dass seine, wie auch vermutlich alle Gedanken von Menschen jenseits einer gewissen Reife das Thema Selbstauslöschung zumindest mal gestreift haben.

Er denkt nach. Das Gefühl, wenn man aus Trotz weiterlebt, wenn genau das nach dem Gefühl kommt, sich selbst nicht mehr zu sehen, gemischt mit dem Willen, die Schönheit der Welt anzuerkennen und erhalten und zelebrieren zu wollen, das ist dann wohl das Schönste der Welt. Während er weint und lacht, aber nur innen, summt er ein Lied, auch nur innen. Wer wissen will, um welches Lied es sich handelt, der müsste schon sehen, wer er warum ist. Der Zug fährt ein. Er fährt zur Arbeit. Unablässig schreit ein Kind. Er lächelt. Sein Leben ist gut und voller Überraschungen. Voll von Gefühl und Watte und Käse im Kopf. Wieder eine Minute zu intensiv gelebt.

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