Dienstag, Dezember 04, 2018

Ich334

ich habe heute eine Weihnachtsgeschichte geschrieben
es ist uncool, Weihnachtsgeschichten zu schreiben
ich glaube, das war auch der Grund




Und über allem liegt der friedliche Geruch konsequenter Verwesung

Die alte Frau Hagemann öffnet den Weihnachtsmarktstand. Westfälische Holzschnitzereien. Alles sieht ein wenig rustikal und traurig aus. Da gibt es Engel, Weihnachtsmänner, sogar ein Rentier und eine Krippe, die aus einem Eichenstammblock geschnitzt wurde. Das sieht alles nicht wirklich schön aus, das weiß auch die alte Frau Hagemann. Aber sie steht hier von Jahr zu Jahr und verkauft diese Gegenstände. Ihre beiden Töchter arbeiten in einer Werkstatt für behinderte Menschen und produzieren derartige Arrangements. Nein, eigentlich nicht wirklich, die Töchter sind lediglich imstande die Tannenzweige auf die Fixierungsplatten zu kleben und das auch nur mit großer Unterstützung eines Mitarbeiters.

Die alte Frau Hagemann denkt sich, seit ihr Mann tot ist, und der starb schon vor fast 25 Jahren, dass man doch mal Opfer bringen könnte und eines dieser Opfer ist in der Kälte zu stehen und eben diese Holzwerkstattsprodukte anzubieten. Sie arbeitet allein, sie hätte auch eine Schicht haben können, wo sie mit einem Mitarbeiter der Werkstatt zusammen gewesen wäre, aber die alte Frau Hagemann hat es nicht so mit diesen kompliziert denkenden Pädagogen. Und dann am besten noch irgendso ein Praktikant, der die ganze Zeit am Handy daddelt, da macht sie ihre Schicht doch lieber alleine. Hat sich zuhause Hagebuttentee gemacht und zwei Käsebrote belegt und denkt sich, die alte Frau Hagemann, dass man damit doch gut durch den Tag kommt.

Dinge, die Menschen mit Behinderung gebaut habe, weiß auch die alte Frau Hagemann, kaufen Leute nicht, weil sie die Produkte schön finden, sondern zumeist aus irgendeinem Grund der zwischen "schlechtes Gewissen" und "Mitleid" liegt. Wenn sie der Tatsache gewahr werden, dass die Schnitzereien eben von Menschen gefertigt wurden, die physisch oder kognitiv nicht das können, was man selbst für einen Normalzustand hält, gemischt mit dieser heimeligen Weihnachtsmarktatmosphäre, da kann es schon mal passieren, dass jemand wirklich etwas kauft am Stand der alten Frau Hagemann. Ein Schild, das die Herkunft der Produkte bezeugt ist deswegen auch gut sichtbar am Stand angebracht.

Aber da die Realität eine Sau ist und der Stand der alten Frau Hagemann eingeklemmt zwischen einem blinkenden Weihnachtsmützenangebot mit Rentierhörnern und einem Glühweinstand, hat sie eben Pech, dass sich die Leute zumeist bei ihren Standnachbarn umsehen, statt ihr Angebot in Augenschein zu nehmen. Ihre Schicht beginnt um 16 Uhr und soll am heutigen Tag bis zum Ende des Marktes gehen, was 22 Uhr wäre. Etwas verlassen steht sie also da und schaut, während sich links von ihr Leute mit blinkenden Mützen ausstatten, die sich rechts von ihr versuchen, ihren Spaß mittels alkoholischen Getränken zu maximieren. Die Holzarbeiten scheinen keine gute Saison zu haben.

Jetzt kommt doch so ein Typ an ihren Stand, als die alte Frau Hagemann gerade einen Schluck vom Hagebuttentee genommen hat und grunzt besoffen ihre Auslagen an. Er taumelt schon gehörig wegen seiner Glühweinfüllung und schaut mit der ihm innewohnenden Arroganz eines feierwütigen Besserverdienenen auf das Schnitzwerk. Murmelt dann: "Wer sich sowas in die Wohnung stellt, ist doch selbst behindert." Geht wieder zu seinen lachenden Freunden, die auch alle blinkende Mützen tragen. Kurze Zeit später stehen derselbe Mann und einer seiner Freunde hinter dem Stand der alten Frau Hagemann und lassen stöhnend Urin ab. Die Rückseite ist abgedichtet durch eine blickundurchlässige Plane, die aber nicht ganz bis zum Boden reicht. Pissepfützen umspülen alsbald die Lederstiefel der alten Frau Hagemann. Die kommt sich immer verlorener vor. Eingerahmt und drangsaliert von diesen irren Betrunkenen.

Pissegeruch, Glühweingestank, dazwischen diese überlaute Weihnachtsmusik, die ständig versucht, Harmonie zu streuen, wo es keine geben kann, das Gejohle von Betrunkenen, der alten Frau Hagemann wird unruhig zumute. Sie ist durchaus jemand, die einiges erträgt, aber manchmal ist da eine Weichheit in ihr, die macht, das alles zuviel wird. Die Unachtsamkeit der anderen führt meist dazu. Dann keimt in der alten Frau Hagemann auch manchmal ein bisschen Hass auf und der Wille zur Selbstjustiz. Wäre es erlaubt, nach Übertreten persönlicher Grenzen jemanden mit einem geschnitzten Weihnachtsgesteck den Schädel zu öffnen, jetzt wäre ein guter Zeitpunkt. Die alte Frau Hagemann erschrickt vor ihren Gedanken, weiß aber auch, dass darin eine Menge Gerechtigkeit läge. Sie hält es aus, das ganze Negative in ihr, den ganzen Gedankenschlamm, der manchmal ihr mütterliches, warmherziges Denken durchkreuzt und beeinflussen will. Bleibt aber still verwurzelt und schaut neutral in ihren Hagebuttentee.

Rache ist nicht das Ding der alten Frau Hagemann. Sie ist eine gottesfürchtige Person, schon von Kindesbeinen an. Gott, der Herr, wird alles richten und am Ende ein Gleichgewicht schaffen zwischen den Leidenden und den Aggressoren auf der Welt. Daran glaubt die alte Frau Hagemann wirklich. Wann aber dieses Ende stattfinden soll, hat der alten Frau Hagemann niemand gesagt. Sie ist geduldig.

Es ist jetzt 21 Uhr und sie könnte die Situation verlassen, weil der Dienstplaneinteiler meinte, wenn absehbar wäre, dass niemand mehr käme, um die westfälischen Holzschnitzereien aus der Behindertenwerkstatt zu begutachten, geschweige denn zu erwerben, könnte man den Stand auch vorzeitig schließen. Die alte Frau Hagemann aber denkt: 22 Uhr war abgemacht, bis 22 Uhr kann ich auch bleiben. Zuhause wartet ohnehin nur ihr altes Ehebett, auf dem sie immer noch auf der ihr angestammten Seite zum Erliegen kommt und die Fotos ihrer Töchter und ihres verstorbenen Mannes.

Wieder stolpert jemand aus dieser Gruppe ungeschickt vom Mützen- zum Glühweinstand, fällt ungeschickt auf ihre Auslagen und reißt zwei geschnitzte Engel in die Tiefe. Zorn glimmt auf in der alten Frau Hagemann. Als der Mann wieder Herr seiner Schritte ist, kotzt er noch einen Strahl Glückweinwurstkotze vor den Holzstand und taumelt unentschuldigt weiter. Die alten Frau Hagemann denkt sich, dass sie noch eine halbe Stunde durchzuhalten hat, bis sie endlich diesen Stand schließen kann. Ihr Pflichtbewusstsein hindert sie daran, aufzugeben. Sie holte die gestürzten Engel zurück in den Stand und säubert sie mit lauwarmen Hagebuttentee. Aushalten. Aushalten.

Mit zerrüttetem Stolz schließt die alte Frau Hagemann um 22.10 Uhr ihren Stand ab, verlässt ihn sauber und gespflegt, selbst die Pfütze mit dem Erbrochenen hat sie olfaktorisch mit Hagebuttentee gelöscht. Komplett hat das nicht funktioniert, aber bis morgen wird sich der Gestank verzogen haben. Auch die Männergruppen nehmen letzte Getränke entgegen, weil der Inhaber des Glühweinstands ebenfalls zu schließen gedenkt. Laut und dumm sind sie immer noch, aber das geht vorbei, wenn man sich von ihnen entfernt.

Als sie zwischen Glückweinbechern, Essensresten und Einwegweihnachtsdevotionalien durch die Gänge der zumeist schon geschlossenen Stände geht, denkt die alte Frau Hagemann über Gerechtigkeit nach und was das überhaupt ist. Ihre Gedanken sind klar, aber nicht mehr so feindselig wie vorhin. Ihr ist bewusst, dass es nicht ihre Angelegenheit ist, über irgendwen zu richten, irgendwen bewusst ins Unglück zu stürzen. Aushalten. In drei Tagen ist Heiligabend.

Am 24. Dezember fährt die alte Frau Hagemann am Vormittag ins Wohnheim und redet lange mit ihren Töchtern, die nie imstande waren zu antworten oder Augenkontakt zu halten. Außerdem spricht sie auch ein bißchen mit dem pädagogischen Personal. Sie hat Schokolade für ihre Töchter mitgebracht, die sie ihnen langsam Stück für Stück reicht. Brauner Speichel rinnt aus freudvoll kauenden Gesichtern und auch die alte Frau Hagemann ist zufrieden mit sich. Als sie geht, wünscht sie allen Bewohnern und Mitarbeitern ein fröhliches Fest. Einige antworten, die meisten schweigen.

Den Heimweg bestreitet sie seit Jahren zu Fuß. Es ist schon dunkel geworden und vor fünf Jahren musste die alte Frau Hagemann noch keine Pausen machen, heute sind es drei. In ihrer Wohnung schaut sie andächtig die Heilige Messe im Fernsehen an. "Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund", spricht der Pastor und die alte Frau Hagemann sagt: "Amen." Dann denkt sie über Würde nach, aber nur ganz kurz, bis es anfängt weh zu tun, dann tut es ein bisschen weh und dann sagt der Pastor: "Amen" und die alte Frau Hagemann guckt kurz wie ein kleines Mädchen, dem man die Lieblingspuppe entrissen hat, gewinnt aber schließlich wieder die Kontrolle über ihren Ausdruck. Ist ja auch niemand hier, der ihn begutachten könnte.

Die alte Frau Hagemann geht durch ihre Wohnung wie eine unlängst angeschossene Person, die versucht würdevoll zu laufen. Sie holt sich ein Glas Wasser aus der Küche und gönnt sich Lebkuchen. Ihre Träume sind schwarz-weiß und langsam. Trotzdem wacht sie jeden Tag auf.

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