Dienstag, Juli 18, 2017

Ich154

Ein Märchen

Scheiß doch drauf, das Glück liegt so nah, sagt Frau Isolde. Frau Isolde hat diverse Darmkrankheiten und scheißt, wenn sie scheißt, immer auch Blut. Das dauert nicht mehr lange, sagt der Arzt und ich pumpe Frau Isoldes Pflegebett hoch und geb ihr was zu trinken, während sie sagt, ich solle drauf scheißen, denn das Glück, du weißt schon, die Nähe des Glücks. Nur paar Schritte, siehste, kannste sehen.

Anderntags oder noch etwas später war Frau Isoldes Bett leer und man sagte mir, sie sei tot. Huch, sagte ich, wie schnell sowas geht und Frau Isolde lachte, was mir komisch vorkam, denn sie war ja tot, außerdem gar nicht da und überhaupt. Dann sagte sie noch ein paar wichtige Sätze, während ich ihr Zimmer desinfizierte.

1. Versammlungsfreiheit ist Versammlungsfreiheit. Wenn Du Dich mit Deinesgleichen versammeln willst, musst Du auch tolerieren, dass sich Deine Feinde versammeln.
2. Lass die Finger vom LSD, so wird das nichts mit der Literaturkarriere.
3. Das mit dem Glück ist echt nur Selbstverarsche. Wenn Du Dir selbst vormachen kannst, dass Du glücklich bist, dann bist Du es auch.

Frau Isoldes Stimme verschwand dann in Form eines der passivste Windhäuche, die ich jemals gespürt habe durch das angekippte Fenster. Draußen gähnte die Großstadt und tat so, als ginge sie das alles nichts an, womit sie recht hatte.

Ich machte mir eine DoTo Liste. Alles roch nach Frau Isolde. Ich machte mir ein Jazztape an und putzte alles aus dem Raum heraus, was da nicht drin sein sollte. Ich war vorbereitet.


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