Sonntag, Juni 11, 2017

Ich116

Hat man irgendwann keinen tiefgehenden Erlebnishunger mehr? Ab wann ist die Zeit, wo man beige trägt und Schlager hört und Radler trinkt und lieber früher schlafen geht, um vom nächsten Tag was zu haben? Ist das hier so ein dummer Blogeintrag von einem Typen, der es sich anmaßt, andere zu beurteilen, am besten eine ganze Generation, weil er kein anderes Wort für "stagnierende Mehrheit" kennt?

Ich glaube, wir haben es gerade mit einer Generation zu tun, die sich dergestalt beige verhält, dass kaum mehr eine andere Farbe möglich ist. Aber sie versteckt es hinter Tattoos, Piercings und Klamotten, die aussehen wie die Klamotten ihrer Großeltern. Außerdem: Kaputte Hosen und immer ein gutes Gewissen. Das ist so beige, dass kaum mehr alle Farbschimmer zu erkennen sind.

Auch ich gehe schlafen, fresse keine Chemie und gehe sogar zum Sport, um nicht formlos fett meine Resttage zu bestreiten. Sofern das alles in meinem Engagement als Mensch stattfindet, so sage ich zu mir, ist das ja auch alles okay. Aber ich kann nicht leugnen, mit Gewaltphantasien durch die Stadt zu schlendern und diesen perfekten Biographien irgendetwas Schreckliches zustossen lassen zu wollen. Sie wackeln herum und tanzen und leeren ihre Sprechblasen über kulturellen Unfug aus.

Ich will aber jemand werden, den das nicht aufregt. Jemand, der smart und gelassen abhängt und sich denkt: Dann ist das eben so. Dann ist eben Kapitalismus mit all seinen Schrecklichkeiten als Nebenwirkung. Dann bin ich halt als weißer Mann ein zufällig Bevorteilter. Okay, okay, okay. Dann ist eben alles leise, still und harmlos und das bisschen Zensur werde ich auch noch überleben, hahaha. Ja, genau so jemand will ich werden. Aber ich kann nicht.

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