Freitag, Mai 12, 2017

Ich84

"Ich hasse konfliktfreie Begegnungen, da laufe ich doch lieber orientierungslosen Plastiktüten hinterher", kritisiertest du einst meine Harmoniesucht. Wir tranken qualitativ höchstwertigen Kaffee und lasen uns ab und zu erhaltende SMS vor, um deren literarischen Gehalt zu vermaledeien und blinzelten in die kryptischen Dunkelheiten verschiedenster schlecht besuchter Etablissements. "Guck dich mal an", forderdest du. Ich betrachtete mich und sah, dass ich glücklich war und es keinen Grund gab, mich zu bewegen. In keine mir bekannte Richtung. "Wir dürfen keine feigen Bauern werden, die Angst vor großen Kartoffeln haben", brüllte deine Stimme jetzt. Was du wolltest, war mir nicht ganz klar.
"Es ist aber doch alles ok", entgegnete ich, wohlwissend, dass es sich dabei um eine Lüge handelte. Blicke auf das Weltgeschehen, Blicke aus dem Fenster. Blicke in meine Krankenakte. Blicke in meinen Bauch. "Alles passiert sowieso", beschwichtigte ich, "lass uns einfach weiter glücklich sein." Dein Blick wurde erst ernst, dann brutal, schließlich provokant. "Es gibt Menschen, die kaufen sich Uhren, die ihre Schritte zählen. Mein bestes Selbstoptimierungsgerät ist mein Bücherregal. Du weißt, ich finde Deine Literatur ehrlicher als jeden Weihnachtsmarkt, auch den wo behinderte Kinder was aus Müll basteln. Und deine Romanfiguren sind dünne Regalbretter, auf die du mit Absicht schwere Ereignisse stellst, nur um das Brechen von Holz zu genießen. Ebenso ist dir Literaturkritik egal, die zusammengefasst folgendes über dich zu berichten weiß: "Verehrtester, Sie schreiben wie ein Klistier, man merkt, es geht wirklich tief, aber am Ende kommt nur Scheiße dabei heraus."
Kurze Pause, dann redetest du weiter: "Ich glaube, es gibt kaum etwas Traurigeres, als Menschen, die auf Selfies laut lachen. Ich habe vorhin mit dem kleinen Prinzen telefoniert, der gerade in einem Rehabilitationszentrum für unzeitgemäße Literaturfiguren verweilt und er versicherte mir glaubhaft: Man sieht auch mit den Augen schlecht, das Herzliche ist im Wesentlichen unbekannt. Deine Weltzusammenfassungen machten mich ängstlich.
Ich wollte mich dazu nicht äußern, war weiterhin pseudoglücklich und eröffnete als gesprächsbegleitendes Getränk sieben Flaschen Weißwein. Ich glaubte immer noch daran, dass die ideale Familienkonstellation Mensch, Bücherregal und Stille ist. Ich war ja vorwiegend Autor geworden, um mich vor abhängiger Lohnarbeit zu drücken. Die Arbeit mit den Worten und die antrainierten schlauen Blicke störten ein bisschen, aber ich hatte mich dahingehend selbst optimiert. Desweiteren war ich überzeugt davon, dass mir keine kultiviertere Art einfallen würde, mein Leben zu ruinieren, als dieses Buch zu schreiben, als überhaupt zu schreiben. Dann fragte ich ihn, was ich denn tun solle, woraufhin er mir wortkarg offenbarte: "Schreib ein Buch."

In meiner ganzen übrig gebliebenen Freundlichkeit überantworte ich Ihnen dies ...  

Keine Kommentare: