Mittwoch, April 12, 2017

Ich48

Zuhause werde ich dann ein Typ mit Musik und Jogginghose an und vergesse ein bisschen was Relevantes. Ich versuche zu arbeiten. Die Arbeit versucht mich zu ignorieren. Ich versuche, das Leben anzufassen und es in literarische Form zu kneten. Aber es ist ein widerspenstiges Leben. Es will einfach nicht Literatur werden. Es weigert sich und zeigt mir durch drittklassige Formulierungen, dass ich scheinbar ein Betrüger bin. Einer von diesen Autorendarstellern, die niemand braucht. Zweifel beginnen. Zweifel hören nicht auf. Nie. Und man gewöhnt sich auch nicht daran. Es tut immer mehr weh als es zuvor weh tat, wenn man nicht mehr weiterkommt mit seinen Worten. 

Ich weiß, irgendwann kommen sie drauf. Alle. Und sie werden mit dem Finger auf mich zeigen und mir sagen: "Du bist nur eine lilafarbene Pfütze mit verträumten traurigen Kuschelaugen, die gleichzeitig in verschiedene Richtungen gucken." Ich werde sie dann ansehen und nicht wissen, was sie meinen und sie werden sagen: "Siehst du, Dirk Bernemann, du siehst zwar aus wie ein Künstler und verhältst dich wie einer und ziehst dich sogar an wie einer, aber du bist keiner und wirst nie einer sein, weil deine Vorfahren die Äcker bestellt und die Pferde gefüttert und die Hühnerköpfe abgeschlagen haben und man an deinem Gang deine bäuerliche Herkunft erkennen kann. Du hast nichts Fein- oder Schöngeistiges an dir, was lohnenswert in die Welt zu posaunen wäre. Du bist ein Betrüger. Gib auf. Leg dich weg. Sei geschlachtet von der Wahrheit über dich." Glücklicherweise weiß ich nicht, ob ich dann weinend aufgeben oder alles ignorieren würde. Ich glaube, es ist ganz gut, auf diesen Tag vorbereitet zu sein.

Und dann sitz ich da rum, mit Musik und Jogginghose und versuche mich zu zwingen, irgendwas von Bedeutung zu verfassen. Aber ich denke zu kleinteilig. Ich denke nicht Fenster, ich denke Scherben. Ich denke nicht Mensch, ich denke Zelle. Außerdem denke ich nicht Literatur, sondern Satzzeichen. Ich denke nicht Fels, ich denke Kiesel, nicht Universum, sondern Atom, nicht Leben, sondern Herzschlag. Ich schreibe einen Satz und er lautet: "Ich bin nur eine lilafarbene Pfütze mit verträumten traurigen Kuschelaugen, die gleichzeitig in verschiedene Richtungen gucken." Das ist ein guter Satz denke ich, das ist schon mal ein Anfang. Ich lasse ihn stehen, diesen Satz, lasse ihn in Ruhe. Starre ihn an. Will, dass er seine Freunde anruft. Dann sag ich es ihm sogar: "Ruf doch bitte deine Freunde an." Aber der Satz sagt gar nichts. Schweigt. Irgendwann wird es ihm zu blöd und er meint: "Merkst du nicht, dass ich vollkommen sinnbefreit bin?" Ich lösche ihn und höre nie wieder was von ihm.

Selbstanalyse, so weh es auch tut. Diesbezüglich erfinde ich dann noch einen Witz: Was sagt ein innerlich selbstreflexiver, aber nach außen emotionsloser Staatsanwalt mit einem imaginären Freund, der aber eigentlich nur ein Abspaltung seiner eigenen Persönlichkeit ist jeden Morgen zu sich selbst? 

Ich gehe hart mit mir ins Gericht.

hahahahahaha usw. (eingespieltes Gelächter)

Ich lache ein bisschen, nur für mich. Schreibe aber kein Wort mehr.


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