Freitag, März 31, 2017

Ich32

Mein Leben ohne Thermobecher sei sinnlos und unökologisch, sagt die Thermobecherwerbung. Ich sitze beim Bäcker. "Mit gratis Erstfüllung" steht da noch. Ich habe einen Ort gesucht, wo ich in Ruhe denken kann und jetzt zirkuliert die Weltrettung durch Thermobecher in meinem Kopf...

... bis ich dieses schüchterne Mädchen sehe, frühlingshaftes Grungeoutfit und sie ist bestimmt schon Mitte 20, steht aber in der Kuchenwarteschlange wie eine hibbeliges Kleinkind. Sie reckt ihren Kopf wie eine junge Giraffe gen Futtertrog, in ihren Augen Ungläubigkeit und Schönheit. Schwarze Strumpfhose, Socken in den Farben von Regenbögen, pinke Schuhe, ein Holzfällerhemd, das ihr bis in die Kniekehlen reicht. Ich erwarte fast, dass sie gleich mit leicht nasalem französischen Akzent einen Einhornkuchen und einen Yoghurt Frio bestellt. Schüchtern huscht ihr Blick immer wieder über die Auslagen. Dann bestellt sie heiser 2 Schinkenbrötchen und einen Milchkaffee. Sie setzt sich einen Platz weiter und stopft sich die Schinkenbrötchen innerhalb von 70 Sekunden in ihren niedlichen Mund. Ext dann den Kaffee und stolpert seicht schwebend aus der Bäckerei. Ich sehe ihr hinterher und erwarte fast, dass sie auf dem Bürgersteig ihre Schmetterlingsflügel spreizt und davon fliegt.

Ob das jetzt eine Agenturmittagspause, eine Essstörung oder nichts davon war, werde ich nie erfahren.

Ich verlasse auch die Bäckerei, kaufe keinen Thermobecher. Das wird die Welt nicht retten.

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