Montag, März 27, 2017

Ich25

Irgendwo öffentlich frühstücken. Schlecht gelaunte Kellnerin ignoriert mich lange. Sie ist schön. Spült Gläser. Poliert Glasflächen. Aber schaut nicht. Ich versuche ihren Blick zu fangen, aber sie reinigt geräuschvoll die monströse Kaffeemaschine.

Neben mir sitzt noch eine Viererkombination hipper Businessmenschen im Café, die sich bereits an Rühreiern und mild geröstetem Toastbrot laben. Immer wieder horche ich in ihre Gespräche hinein. Es geht um ein Medienprojekt, dass ich mir nicht vorstellen kann. Irgendwann nennt eine Frau den ihr gegenübersitzenden Mann "Hallodri" und es tritt ein kurzes Schweigen ein. Ich mische mich aus.

Aus der Taz auf dem Tisch, der sogenannten Tischtaz, sauge ich ein paar Themen auf. Schulz, Erdogan, Feminismus in Armenien, AFD, Leserbriefe, Ernährung, irgendwas mit Fahrrädern und eine Kritik über einen ZDF Dreiteiler.

Der Tisch hinter mir hat zwei eskalierende und zwei deeskalierende Menschen um sich. Es wird geschrien. Endlich kommt die Kellnerin und nimmt miesgelaunt meine Bestellung auf. Die ganze Zeit läuft wie ein dazugehöriger Soundtrack milder, egaler Techno.

Ich esse. Der Tisch hat wieder Frieden geschlossen. Techno wird noch egaler. Ich falte die Tischtaz zusammen und lege sie auf die Fensterbank. Eine junge Frau kommt ins Café, plötzlich fängt die Kellnerin an zu leuchten. Tritt hinter ihrem Tresen hervor. Umarmt den neuen Gast. Austausch von Küssen mit nach außen sichtbarer Zunge. Ich denke darüber nach, wie es wäre, in jedem Lokal als Gast so begrüßt zu werden. Wäre die Welt ein besserer Ort?

Die Umarmung dauert lange. Am Nebentisch wieder Geschrei. Eine Frau steht auf. In ihren Augen Tränen. Wortlos geht sie, wie jemand geht, der nicht erwünscht ist. Die Umarmung dauert an. Das mit der Zunge hat aber aufgehört.

Ich bitte in die Umarmung hinein, zahlen zu dürfen. Zwei böse Blicke aus vier schönen Augen. Ein Preis wird genannt. Er ist hoch. Ich zahle ihn. Ich gehe. Draußen unendliche Sonne.

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