Mittwoch, März 22, 2017

Ich18

Beim Bäcker. Ausschließlich schöne Menschen, die sich Backwaren kaufen. Vor und hinter dem Tresen. "Ich hatte gestern äußerst gute Laune, aber heute gehts mir sogar noch besser", sagt das strahlende Gesicht der frühlingshaft lächelnden Verkäuferin. Sie ist nicht geschminkt. Sie scheint gut geschlafen zu haben. Man sieht, wie der brotbestellende Knabe ihr komplett und direkt verfällt und gar nicht aufhören will zu smalltalken, auf das der Talk endlich big werden würde, hier, beim Bäcker. Draußen schießen Blumen aus dem Rasen, als wäre unlängst Atomkrieg gewesen, nämlich gar nicht. Nicht mal Rasen. Nur Stadt.

Zu viele sind allein und wissen, dass die Lebenserwartung von Alleinen geringer ist als die von Zusammenen. Die Alleinen sind die Raucher in diesem Beziehungsding. Tumb und manchmal panisch suchen sie nach Halmen, die sie retten. Bloß nicht aufgeben, denken sie, da passiert doch noch was. Sie atmen nur schlechte Dinge ein und ab und zu haben sie Hoffnung und stehen vor dem Bäckertresen und versuchen Restcharme in die Kuchenauslage zu spritzen.

"Sind die Kirschkuchendinger auch vegan?"
"Ja."
"Gut, dann nehme ich zwei."
"Gerne."

Aber die schöne Verkäuferin ist davon unbeeindruckt. Oder denkt sich, wenn er zwei Stücke Kuchen bestellt, isst er bestimmt auch mit wem. Unter einer warmen Decke oder in einer sauberen WG-Küche. Starr und schön lächelt sie aggressiv durch den Verkaufsraum. Angesichts der Welt ist dieses Lächeln ein Hohn, aber trotzdem gut, dass Leute bereit sind, es zu lächeln.

Überall Lächeln. Das ist ansteckend. Auch meine Bestellung kommt mir vor, als artikuliere sie ein Fremder. Ich nehme einen Kaffee zum Verschwinden und gehe. Und werde dergestalt angelächelt, dass fast die Realität platzt.

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