Sonntag, März 19, 2017

Ich11

Ich

Eine Frage, die sich neben anderen Fragen immer wieder aufdrängt und an der ich mich ständig vorbeidenken muss: Wie viel Prozent meiner Handlungen entspringen eigentlich purer Verzweiflung? Leute essen aus Verzweiflung, Leute trinken aus Verzweiflung, Leute lachen aus Verzweiflung, Leute fahren in Urlaub aus Verzweiflung und kommen aus Verzweiflung zurück, bleiben aber in Verzweiflung.
Ach, was rede ich hier über Leute, ich meine doch eigentlich immer nur mich.

Mir schreibt ein Autorenkollege, der sich ebenso gut in Sachen Verzweiflung auskennt, wie ich mich da nicht auskenne.

Er: Hab dein letztes Buch gelesen. Dir gehts schlecht, oder?

Ich: Nein, alles super, ist doch nur Literatur. Und selbst so?

Er: Nächstes Buch kommt im Frühherbst, Roman dümpelt, ach, das Übliche, schreiben, schreiben, schreiben und nicht wissen wofür, zwischendurch Tagelöhnerjobs. Und bei Dir so?

Ich: Ja, ein Sklavenjob und ansonsten gut zu tun mit Literatur.

Er: Aber wie geht es Dir wirklich? In Berlin und so?

Ich: Schon ok, ich schreib grad was Biographisches und ein weiteres Theaterstück. Außerdem Straßenmusik mit Kumpel, wobei ich mich als Affe verkleide und Poptexte in ein Megaphon singe. Mit 40 wird das Leben etwas sanfter, auch in Berlin. Aber das Leben bleibt an mir interessiert und andersrum genauso.

Er: Mein Sohn ist mittlerweile 8 und sorgt dafür dass ich mich mit fast 53 wie 35 fühle. Wir sind halt bekloppt und wir können nichts anderes, darum und dafür machen wir die Scheiße ja.

Ich: Ich bin nicht bekloppt. Ich glaube, mein Problem ist, dass ich die ganze Scheiße ernst meine.

Er: Ich weiß, darum folgen dir auch 1000 Verzweifelte und mir nur 3 Banker. Ach, vergiss es, wollte nur Spaß machen, Ironie und so, verstehste, ach egal, mach einfach weiter mit dem was du tust.

Ich antwortete nichts mehr. Er auch nicht. Das nachfolgende Schweigen fühlte sich gut und folgerichtig an. Ich überlege auch kurz, für wen ich das hier eigentlich mache und stelle fest, dass das mir bekannte größte Interesse an meiner Literatur immer noch von mir selbst ausgeht. Das geht sich auf Dauer nicht aus, sagt mein Realitätsverlust und ich weiß, dass er recht hat.

Später gehe ich spazieren. An der Sbahn Warschauer Straße riecht es nach Feuer, wenn man die Treppen runtergeht. Und irgendwie auch nach Blut. Die Luft ist schwer und dick und die Menschen laut und lustig. Da liegen Punks auf einem Haufen und sie sind nicht tot, aber dennoch riechen sie so. Und da ist dieser Typ, der im Sitzen sehr schnell und sprachlich sehr sauber auf Englisch rappt. Er sitzt auf einem Teppich und ein Halbkreis aus Musikinteressierten hat sich um ihn gebildet, während er seine Zeilen in die Nacht spittet. Die Nacht spittet nichts zurück. Was sollte sie auch spitten, die Nacht?

Ich laufe weiter. Rauche eine. Rauche sofort noch eine. Der Himmel sieht aus wie eine brennende Bäckerei. Scheiß Romantik. Am Fluß stehen und runtergucken macht gar nicht ruhig, sondern genauso nervös wie man vorher war. Ich gucke trotzdem runter. Grau, braun, schlackig, der Fluss und drumherum die Leute mit Bieren und viel zu lauten, viel zu vielen Gesprächen. Ich weiß jetzt, warum die Nacht nichts spittet: viel zu viele Eindrücke. Und so eine Nacht hat, wenn es gut läuft, kein Gehirn. Weiterlaufen. Noch eine rauchen. Versuchen einen Haken an den Tag zu machen. Der Haken weigert sich. Die Zeit vergeht trotzdem. Ich glaube, dass ist eins meiner größten Probleme.

Eine Seite in meinem Tagebuch, hätte ich je mit damit angefangen, meine Tage zu dokumentieren, würde heute ungefähr so aussehen:

Liebes Tagebuch,

1. Warum antwortest Du nie, wenn ich Dich voller Fragen schreibe? Wofür lasse ich denn dann immer ein paar Zeilen Platz zwischen den Fragen?
2. Du willst wissen, was heute los war? Warum?
3. Siehst Du, schon wieder nichts. Ich zweifel echt an Deinem Nutzen. Wenn ich hier in ein paar Jahren noch mal reingucke, werde ich mich vor ein paar Jahren sehen und beurteilen können, ob eine Entwicklung in meiner Persönlichkeit stattgefunden hat und ich werde bemerken können, ob sich was verändert hat, ob meine Fragen andere sind oder sogar noch mehr geworden sind. Oder inwiefern sie sich verändert haben. Ob sie dringender sind. Oder gelassener.
4. Glaubst Du, ich krieg das alles hin?
5. Wahrscheinlich lachst Du heimlich über mich, wenn Du Dich mit Deinen Tagebuchfreunden triffst. Ich ahne, dass Ihr Euch nachts, wenn wir frisch vollgeschrieben seit, an einem geheimen Ort trefft und Lesungen aus Euch veranstaltet. Und dann lacht hier und besauft Euch und ständig vergesst Ihr zu antworten. Ihr Tagebuchschweine.
6. Ach komm, vergiss es. Spar Dir Deine Entschuldigungen. Schweig ruhig weiter. Schweig die ganzen Seiten voll. Wenn Du mich nervst, gibt es irgendwann Feuer zwischen die Worte und dann ist Asche. Mit allem.

Bis morgen,
Dein Dirk



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