Ich stehe auf und laufe ein wenig in der Küche umher. Ich stehe in der Mitte diverser Wortketten, die sich wie Weihnachtsbaumlametta um mich gelegt haben, die ich aber nicht greifen kann. Überall hängen Metaphern, mein ganzer Schädel ist eine Art Galerie, die ich zwar betreten kann, aber es macht augenscheinlich keinen Sinn in der Ausstellungshalle meines Großhirns spazieren zu gehen, da all diese Kunstwerke, die an den Schädelwänden hängen, überhaupt keinen Zusammenhang bilden. Sie sind alle individuell, groß und gleichbleibend geltungssüchtig, aber ihnen fehlt der legendäre Klebstoff, das Ejakulative das alles überschwemmt und alle Bilder mitreißt und sie zu einer großen Statue formiert, die strahlender und glänzender ist, alles, was ich bislang schuf.
Ich war mir nie zu schade für meine Kunst auch durch das tiefe Tal der Lächerlichkeit zu gehen, nur um noch 5 Gramm Herzenswut mehr zu spüren ... hier nun meine Demut, meine Hingabe, meine Radikalität und meine Liebe und ich weiß es, denn ich habe es ausprobiert: Mando Diao Mädchen sind nur mittelmäßig im Bett ...
Dies ist ein Theaterstück für eine Person ...
... auf der Stelle tretender, abgemagerter Künstler, zitternd, in seinen Taschen wühlend, unter den dünnen Ärmchen eine Textmappe ...
... der Künstler beginnt durch die Kunst zu sprechen ..., verweigert dabei jedlichen Kontakt zu sich selbst ...
Ich war mal so nett und habe Kunst gemacht
Ich setz die Brille auf, ich setz die Mütze auf, ich mach jetzt Kunst. (Der Künstler kleidet sich in fassadenfrohes HundM-Gedresse, Hut, Brillengestell, Entstellung auf das Uneigentliche ... )
Ich bin ein Ausstellungsstück.
Nicht berühren, nicht anfassen, nicht berühren, nicht anfassen.
Keine Fotos, keine Interviews.
Nichts außer ich. Nur ich.
Sonst nichts.
Ich bin ein Ausstellungsstück.
Ach, was sag ich Ausstellungsstück, ich bin eine ganze Ausstellung, ein gigantisches Museum voll mit epochen- und raumfüllender Kunst.
Ich stell euch die Räume voll, treibe euch in kontroverse Kinos und trickreiche Theater, verführe euch mit konkreten Konzerten, mit allerlei Kunstkonzepten, es ist egal was ich mache, es ist Kunst, es ist egal was ich mache, es ist Kunst.
Ich bin Jazz.
Freejazz.
Ich bin sogar so Freejazz, das ich selber kaum verstehe, wovon ich eigentlich rede.
Mich versteht ja sowieso keiner.
Da laß ich euch schon in meine Denkwelt und ihr weigert euch, so zu denken wie ich.
Ich hab die Brille auf, ich hab die Mütze auf, ich mach jetzt Kunst.
Ich könnte Euch mit der Hand durchs Gesicht fahren, oder nach Hause.
Ich könnte Fehler machen und mich fragen, ob das denn überhaupt Fehler sind, weil ich sie gemacht habe.
Ich könnte sagen, was wirklich wahr ist, Mode interessiert sich nicht für mich.
Ich könnte sagen, Liebe interessiert sich nicht für mich.
Ich könnte sagen, ich bin unkontrollierbar intellektuell.
Ich könnte sagen ich hab was zu tun mit Kunst und so.
Ich könnte sagen ich hab ein brennendes Herz und ein leeres Bankkonto.
Ich könnte sagen, das ist mir alles egal.
Ich könnte sagen, das ich was sagen könnte, was viele sagen könnten, nämlich: Bill Murray ist ein toller Schauspieler, der aber in jedem seiner Filme nur mit 2 Gesichtsausdrücken auskommt, was deswegen gut ist, weil es einfach ist.
Ich habe die Brille auf, ich habe die Mütze auf, ich mach jetzt Kunst.
Ich könnte den Mensch, der ich bin einfach so kaputtmachen und das Kunst nennen.
Ich könnte einen zufälligen Akt sinnloser Gewalt einfach Kunst nennen.
Ich könnte Marienkäfer in der Spätseptembersonne an meiner Fensterscheibe einfach Kunst nennen.
Ich könnte Marienkäfer in der Spätseptembersonne an meiner Fensterscheibe einfach so zerquetschen und das Kunst nennen.
Ich könnte in ein Taschentuch rotzen und es aussehen lassen, wie es klingt und das einfach Kunst nennen.
Ich könnte aufhören, Dinge nennen zu können, die ich Kunst nennen könnte.
Ich könnte diesen letzten Satz einfach Kunst nennen.
Ich habe die Brille auf, ich hab die Mütze auf, ich mach jetzt Kunst.
Dann komm ich hier rein, Kleinkunstirgendwas oder Vernissage und ich komm hier rein und alle gucken, denn ich bin toll, ich bin ein Zirkuspferd und das Lebendige an mir ist die Bewegung. Und allein durch mich beginnt ein Zyklus ansteckender Gesundheit. Und ich sage Sätze in Mikrofone und Mikrofone sagen Sätze in Lautsprecheranlagen und Lautsprecheranlagen sagen Sätze in Universen und diese Sätze könnten lauten: Jemanden nicht zu kennen, ist kein Grund ihn nicht zu hassen. Ich bin ein Ausstellungsstück. Ich bin ein Hochseilautist. Die Nadel im Arm und Gold im Herzen. Die Nadel im Herzhaufen. Ich lasse meine Freundin meine Sachen anziehen, um sie ihr dann vom Leib zu reissen, um das Gefühl zu verstärken, mich selbst zu ficken.
Ich habe die Brille auf, ich hab die Mütze auf, ich mach jetzt Kunst. (der Kunstpatient steckt sich eine Zigarette an, die er lieblos und schnell raucht ... er bläst Rauchschwaden ins Publikum, sein Kopf ist nebelumhüllt und sein Worte brechen erneut sein Schweigen ..., er schreit, tobt, ist außer sich und außerstande zu denken, wirft die Zigarette zu Boden und zermalmt sie auf dem Bühnenholz, wie man es mit unliebsamen Insekten tut, für die man nichts als stolzen Hass empfindet ...)
Ich rauche nie nicht.
Ich denke nie nicht.
Ich bin nie nicht Kunst.
Wort. Tat. Schrift. Bild.
Wort. Tat. Schrift. Bild.
Ich bin nie nicht Kunst.
Ich denke nie nicht.
Ich rauche nie nicht.
Ich habe die Brille auf, ich hab die Mütze auf, ich mach jetzt Kunst. (der Künstler wird leiser, es kehrt eine Ehrlichkeit in seine Stimme zurück, die in dem Momenten zuvor unsichtbar war ..., es sind sich überlagernde Momente, es fühlt sich an, wie nach Hause kommen, die Socken ausziehen und dem Kühlschrank eine Flasche B. zu entnehmen, die man extra für diesen Anlaß dort hineingestellt hat, für das Nachhausekommen ...)
Und ich frag ja nur mal aus reinem Desinteresse: Kennt ihr das Gefühl, wenn einem Engel übers Herz pissen? Das Gefühl, wenn die Sonne nachts scheint. Das Gefühl, jemanden zu lieben, der vor seinen Augen überfahren wird? Und zwar von einem großen, großen Laster. Das Gefühl, jemanden zu lieben, der unerreichbarer als Gott ist? Das Gefühl, das Gott auf einen scheißt? Das Gefühl, in einer Schußlinie zu stehen? Das Gefühl, etwas zu erschaffen, für das sich andere schämen? Das Gefühl, etwas zu erschaffen, für das man sich selber schämt? Das dann wegschmeißen und sich für das Wegschmeißen schämen? Und womit? Mit Recht. Kennt ihr das Gefühl, seine Sensibilitätsgrenzen zu überschreiten, zu zerbrechen und weiterzulaufen? Das Gefühl gestern am Abgrund gestanden zu haben und heute schon einen Schritt weiter zu sein? Das Gefühl haltlosen Fallens, taumelnden Lallens, stupiden Stotterns? Geht ihr erst noch mal Euren Weg durch den Wald der erhobenen Mittelfinger der Ablehung. (der Künstler hebt einen Mittelfinger, vorzugsweise den linken, empor und präsentiert ihn sich und dem Auditorium, halb wahnsinnig beginnt er erneut ein Geschrei, das durch seine Entflammbarkeit die Säulen des Erdballs in Brand setzen könnte ...) Wenn euer Innenleben in Flammen steht, der komplette Apparat am Fackeln ist, können wir ins Gespräch kommen, ob ich euch demnächst vielleicht mal angucken oder grüßen werde.
Ich setz die Brille ab, ich setz die Mütze ab, ich mach jetzt Kunst. (Der Künstler schmeißt seine Fassade von sich und tritt sie auf dem Boden kleinteilig kaputt, brüllt: Yeah, yeah, yeah und wundert sich anschließend über nichts mehr ... er wird leise, demütig fast ...)
Ich setz die Brille ab
ich setz die Mütze ab
ich trau mich,
mich auf mich selbst zu reduzieren
ich setz die Brille ab
ich setz die Mütze ab
ich zieh die Hose aus (aber nicht, um meinen Penis der Weltöffenlichkeit zu präsentieren)
ich mach jetzt Kunst
Abgang Künstler
ausbleibender Applaus


4 Grummeltare:
Kunstdefinition ist abgeschafft, aber nicht aus den Hirnen. Warum?
du fehlst.ich wär so gern ein laster und würd dich einfach so zerquetschen, dann würd ich mich richtig fühlen. kennst du das gefühl??? du fehlst dir mehr als mir.
Kandinsky hat dich lieb.
Ich liebe es <3...
Vor allem die Bewegungen mit der Hand beim Vortragen dieses Werkes.
Toll *.*
Und auch so, einfach nur die Wahrheit.
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